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Filmkritik „Malmkrog“ : Muss die Türkei „zivilisiert“ werden?

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Die Sache mit der Türkei war für Solowjow auch noch in einer anderen Hinsicht wichtig. Mehrfach kommen die Gespräche auf die Baschi-Basuks, ein Name, den man erst nachschlagen muss: gemeint sind irreguläre Truppen im Osmanischen Reich, die für ihre Greuel berüchtigt waren („sie verbrennen Kinder“, heißt es im Film). An diesem Sachverhalt, der zugleich eine Projektion ist, reibt sich in den Gesprächen der moralische Optimismus der privilegierten Figuren, die sich auch über die Berechtigung von Gewalt Gedanken machen: Gibt es so etwas wie ein „Christus-liebendes Heer“ ? Kann man zugleich dem Evangelium und einem militärischen Befehlshaber folgen?

Parallelen zu „Die Schlafwandler“ 

„Malmkrog“ wurde tatsächlich in einem Schloss in dem gleichnamigen Ort gedreht, in einem historischen Setting, mit Bücherwänden und Teppichen und Kandelabern. Nikolai, Olga, Madeleine, Edouard und Ingrida, die fünf Hauptfiguren, stecken in den steifen Kostümen des späten 19. Jahrhunderts und in dem distinguierten Französisch, das damals noch als Umgangssprache in einem geistigen Europa gelten mochte. Puiu folgt den Gesprächen mit einer Kamera, die sich so gut wie möglich unsichtbar macht, zwischendurch gibt es aber auch immer wieder ausgesuchte Kompositionen mit Spiegeln, Fenstern und vor allem Türen und Zimmerfluchten. Die Schauspieler kommen aus allen Teilen Europas, sie treffen sich in einer niemals deklamatorischen, aber als Medium eines angestrebten Übereinkommens erkennbaren Sprache.

In mancherlei Hinsicht könnte man sich an Christopher Clarks „Die Schlafwandler“ erinnert fühlen, zumal in Passagen, in denen Edouard ausdrücklich über die Unmöglichkeit eines Krieges in Europa räsonniert. Zugleich macht Puiu mit ein paar pointierten Interventionen deutlich, dass er den privilegierten Diskurs nicht mit sich allein lassen will: „Malmkrog“ ist in sechs Kapitel unterteilt, zu den fünf Hauptfiguren tritt eines über den Oberdiener Istvan, den man als Glied in einer rigiden Hierarchie kennenlernt. In dem rätselhaftesten Moment des ganzen Films kommt es schließlich zu so etwas wie einer Revolte, deren Ausmaß und Konsequenzen jedoch unklar bleiben.

Drei Mal sollte man sich seinen Film ansehen, hat Cristi Puiu verlauten lassen, um in den vielen Verästelungen der Debatte halbwegs einen Faden zu finden. Tatsächlich erwies sich „Malmkrog“ bei der Kinovorführung auf der Berlinale 2020 als ein Block, eine Überforderung. Im Streaming kann man nun anders mit diesem Film umgehen, philologischer, aber auch distanzierter. Umso deutlicher wird dabei der zentrale Umstand: „Malmkrog“ ist ein riesiger Anachronismus und gerade dadurch einer der großen Glücksfälle im neueren Kino.

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