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Filmkritik : Nimm's leicht mit der Moral

Überraschungen mag er gar nicht: Liam Neeson als Brian Mills Bild: dpa

Liam Neeson macht es in „96 Hours“ einer Mädchenhändlerbande schwer: Er rast und prügelt und schießt und foltert sich durch den ganzen Film. Aber der Thriller von Pierre Morel übertreibt es mit seinem Hang zum Exzess.

          3 Min.

          Brian Mills ist kein Papa, wie man ihn sich wünscht. Erst arbeitet er beim CIA und verbringt die meiste Zeit außer Landes, um dort die Interessen der Vereinigten Staaten mit Methoden zu schützen, über die er mit aller Berechtigung nicht sprechen möchte. Seine Tochter Kim wächst also weitgehend vaterlos auf. Als dann die Ehe mit seiner Frau Leonore in die Brüche gegangen ist, quittiert Mills den Job und siedelt sich in der Nähe der großen kalifornischen Villa an, in der Leonore und Kim mit dem reichen Stuart einen neuen Mann und Vater gefunden haben. Fortan kümmert er sich nach Meinung Leonores entschieden zu viel um Kim. Und zum Geburtstag bekommt das Mädchen von Brian eine Karaoke-Box zum Geschenk, von Stuart dagegen ein Reitpferd. Die jeweilige Reaktion lässt keinen Zweifel daran, welche der beiden Gaben den aktuellen Wünschen der nun Siebzehnjährigen eher entspricht.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Brian Mills aber ist nicht von Selbstzweifeln geplagt. Er hat schließlich als Geheimdienstler die Welt kennengelernt und weiß deshalb, dass zum Beispiel Paris im Vergleich zu Los Angeles ein brandgefährliches Pflaster ist - vom Rest Europas ganz zu schweigen. Als Kim um die väterliche Genehmigung für eine Reise mit einer gleichaltrigen Freundin eben nach Paris bittet, ziert sich Brian entsprechend, ehe er doch unter mehreren Bedingungen zustimmt. Eine davon lautet: jeden Tag einen Anruf.

          Von Paris nach Kalifornien: Dramatische Parallelschnitte

          Brian Mills ist kein Freund von Überraschungen. Als er durch Zufall erfährt, dass Kim ihn beschwindelt hat und Paris nur die erste Station auf einer Tour ist, die danach in so gottverlassene und bei jedem normalen Menschen verrufene Orte wie London, Berlin, Rom und Barcelona führen soll, ist sein Zorn groß. Erfreulicherweise kommt es aber gar nicht zur Weiterreise, denn Kim wird schon am ersten Tag ihres Paris-Aufenthalts samt der Freundin verschleppt - „Taken“ heißt der Film im Original, mit allen Nebenbedeutungen, denn die Entführer sind albanische Mädchenhändler, die ihre jugendliche Ware an skrupellose Potentaten und Millionäre auktionieren. Auch diese Überraschung findet nicht den Beifall von Brian Mills.

          Er ist kein Zauderer. Da das Töchterchen gerade mit ihm telefonierte, als die Kidnapper kamen, hat Mills etliche Informationen, mit denen er sich sofort auf die Spur der Verbrecher setzen kann. Doch da hat der Film seinen stärksten Moment schon hinter sich. Die in dramatischen Parallelschnitten von Paris nach Kalifornien und zurück geschilderte Entführungsszene ist das mit Abstand Beste im Film des Franzosen Pierre Morel, dem sein weitaus berühmterer Landsmann Luc Besson als Produzent und Drehbuchautor die Regie überlassen hat. Hier zeigt sich, was für ein Meister des Suspense Besson ist; selbst in seinem fulminanten „Léon, der Profi“ von 1994 hätte diese Szene noch einen Glanzpunkt abgegeben. In „96 Hours“, wie der neue Film in Deutschland heißt - weil sich angeblich nach vier Tagen jede Spur der verschleppten Mädchen verliert -, ist die Entführung der einzige Lichtblick. Außer Brian Mills.

          Überraschungen schätzt er gar nicht

          Brian Mills ist kein anderer als Liam Neeson. Und dieser bemerkenswerte Schauspieler hat erkennbar Interesse an der Rolle des bitterbösen rächenden Vaters. Er legt seinen Auftritt dementsprechend physisch an, rast und prügelt und schießt und foltert sich durch den ganzen Film. Sein Agent ist kein Mann großer Worte, auftretende Hindernisse werden einfach mitgenommen. Schon nach der ersten Intensivrecherche von Mills in der Pariser Unterwelt zählt die Polizei sieben Tote, drei Verletzte und ein eingestürztes Gebäude. Kein Wunder, dass die früheren französischen Kollegen dem amerikanischen Berufsaussteiger jegliche Hilfe verweigern. Zumal da noch eine für Mills überraschende Verbindung besteht. Und wie gesagt: Überraschungen schätzt er gar nicht.

          Brian Mills ist kein Held, wie man ihn früher auf der Leinwand gesehen hätte. Er ist Fleisch von Kiefer Sutherlands Jack Bauer aus der einflussreichen Fernsehserie „24“ , worauf der deutsche Titel überdeutlich verweist. Die Skrupellosigkeit, mit der Mills seinen Weg geht, ist dennoch im Mainstream-Kino ohne Beispiel, und sie verlässt den guten Geschmack nicht nur in einer Marterszene, die zum Widerlichsten gehört, was man sehen kann. Dass Besson und Morel mit den Mädchenhändlern das schlechthin Böse als Gegenspieler aufgebaut haben, soll der uneingeschränkten Gewalt Legitimation verleihen. Es ist jedoch nicht mehr als ein moralisches Feigenblatt. Der Rest des Films zeigt sich nackt in seiner Liebe zum Exzess.

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