https://www.faz.net/-gqz-3f5n

Filmfestspiele : Historisch, brisant, konstruiert

Amos Gitais „Kedma” Bild: Cannes

„Kedma“ von Amos Gitai, „Bowling for Columbine“ von Michael Moore, „Sex is Comedy von Cathérine Breillat.

          3 Min.

          Der Reichtum der Welt kann im vergangenen Jahr nicht geringer geworden sein. Jedenfalls sind die schimmernden weißen Motorjachten im Hafen von Cannes noch zahlreicher, die in der Bucht ankernden Kreuzfahrtschiffe noch breiter und glamouröser, als man sie in Erinnerung hatte.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Ob auch der Glamour des Kinos zugenommen hat, muss sich in den nächsten Tagen zeigen. In die Breite gegangen ist das Festival allemal, allen Kursstürzen auf dem Unterhaltungsmarkt zum Trotz beherbergt es in seinen Zelten und Pavillons wieder einmal mehr Fernseh-Nomaden und Filmrechtehändler als je zuvor, und auch das Aufgebot an Stars kann sich diesmal wieder sehen lassen.

          Scheinwerferpromis

          Als erste trat am Mittwochnachmittag Sharon Stone ins Scheinwerferlicht. Sie saß neben dem Jurypräsidenten David Lynch auf der Eröffnungspressekonferenz, und als sie das Wort „metamorphosis“ formte, um ihre Liebeserklärung an das Kino nicht zu simpel klingen zu lassen, hielt der Saal für einen Moment den Atem an. In der neunköpfigen Jury sitzen außer Lynch und Stone noch weitere fünf Filmregisseure, eine Schauspielerin und eine Filmproduzentin, aber die beiden sind schon jetzt das Prinzenpaar des diesjährigen Festivals.

          Bezugsgröße Marilyn Manson - Szene aus „Bowling for Columbine”
          Bezugsgröße Marilyn Manson - Szene aus „Bowling for Columbine” : Bild: Cannes

          Man darf gespannt sein, wie sie über die Filme von Kaurismäki, Cronenberg, Kiarostami, Polanski und Mike Leigh urteilen werden, die hier in den nächsten Tagen laufen werden. „Die Story und die Art, wie sie erzählt wird“ wolle man bewerten, erklärte Lynch der wartenden Presse. Dass das zwei ganz verschiedene Paar Schuhe sein können, sah man noch am gleichen Abend in Amos Gitais Wettbewerbsbeitrag „Kedma“.

          „Kedma“

          Die Story, das ist hier die Geschichte der Gründung des Staates Israel, der Kampf der jüdischen Flüchtlinge um ihr Land und ihr Leben. Aber die Art der Erzählung ist leider die platteste, die man sich denken kann, ein historischer Bilderbogen mit immer demselben Schnittmuster aus Massen- und Dialogszenen, mit musizierenden Hirten, schießenden Briten und traurigen Frauen diesseits und jenseits der unsichtbaren Front. Man will ja nicht unterhalten werden in einem solchen Film, aber die schreckliche Biederkeit, mit der der israelische Regisseur sein Sujet ausbreitet, macht es auch für jede andere Betrachtungsweise ungenießbar, sie treibt der Geschichte buchstäblich ihre Wahrheit aus.

          „Bowling for Columbine“

          An geschichtlichen Wahrheiten war Michael Moore schon immer interessiert. Seit „Roger and me“ (1989) ist kein Film des Amerikaners mehr in Deutschland zu sehen gewesen, aber sein neues Werk wird ganz sicher bei uns laufen, denn es handelt unter anderem vom amerikanischen Pendant zur Erfurter Schultragödie: von dem Massaker, das sich vor drei Jahren an der Columbine Highschool in Littleton, Colorado ereignete. „Bowling for Columbine“ ist das, was man auf deutsch einen Filmessay nennt: eine Dokumentation mit unscharfen Kanten, mit Ausflügen ins Feuilletonistische, Selbstdarstellerische, polemisch Überspitzte.

          Weitere Themen

          Nur nicht baden gehen

          „Das Hausboot“ auf Netflix : Nur nicht baden gehen

          In der Netflix-Serie „Das Hausboot“ kann man Olli Schulz und Fynn Kliemann dabei zusehen, wie sie das einstige Domizil von Gunter Gabriel auf Vordermann bringen und sich dabei lieben und hassen lernen.

          „Azor“ Video-Seite öffnen

          Trailer (OmU) : „Azor“

          „Azor“, Regie: Andreas Fontana. Mit: Fabrizio Rongione, Stéphanie Cléau, Carmen Iriondo, Juan Trench, Ignacio Vila, Pablo Torre, Elli Medeiros, Gilles Privat, Alexandre Trocki, Augustina Muñoz, Yvain Julliard. CH, F, ARG, 2021.

          Baumeister für die Mitte

          Hans Stimmann wird 80 : Baumeister für die Mitte

          Die Spur der Steine verrät einen Achtundsechziger: Der Stadtplaner und Sozialdemokrat Hans Stimmann hat die Gestalt von Berlin so stark beeinflusst wie nur wenige.

          Topmeldungen

          Feuerwehr im Einsatz

          EUGH-Urteil : Rufbereitschaft kann Arbeitszeit sein

          Wenn ein Feuerwehrmann zu Hause sitzt und sich für den Einsatz bereit halten muss – arbeitet er oder ruht er? Darüber hat nun der Europäische Gerichtshof entschieden.
          Seite an Seite: Wissenschaftler Christian Drosten und Politiker Jens Spahn bei einer Pressekonferenz im vergangenen Jahr

          Experten in der Pandemie : Wenn Wissenschaft zu Ideologie wird

          In der Corona-Krise verschmilzt die Figur des Experten mit der des Aktivisten. So entsteht der Eindruck, in Forschungsbefunden liege der Schlüssel zu politischem Handeln. Für die Demokratie ist das gefährlich. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.