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Filmfestival in Luxor : Jetzt mal ohne Omar Sharif, dafür heulen die Sirenen

  • -Aktualisiert am

Der Unterdrücker setzt seinen Fuß auf die Wange der Unterdrückten, denn wer jenseits seiner Klasse liebt, wird ausgestoßen: „Factory Girl“, zu sehen in Luxur Bild: Luxor Film Festival

Für die Freiheit der Kunst in einer stolzen Pharaonenstadt: Das Filmfestival in Luxor trotzt Anschlägen und Repression und lässt die Kinokultur in Ägypten aufleben.

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          Zwei Polizisten und drei Männer in langen weißen Galabijas haben es sich in der Sitzecke vor dem großen Fernseher bequem gemacht. Ein halbes Dutzend weiterer Schaulustiger verfolgt auf den Sofas und Stühlen im Foyer des Kulturpalastes von Luxor die Sondersendung aus Kairo. Soeben sind dort bei Anschlägen sechs Menschen getötet worden. Das Geheul der Sirenen ist bis zum Eingang des großen Vorführsaals zu hören. Nicht einmal halb so viele Zuschauer wie draußen im Empfangsbereich haben sich zusammengefunden, obwohl mit „The City“ einer der bekannteren Filme des neuen ägyptischen Kinos läuft. Sein Regisseur Yusry Nasrallah war lange Assistent Yussif Schahins, der Omar Sharif einst groß herausbrachte.

          Auch wenn die Geschichte des Fleischergehilfen Ali, der in Paris vergeblich sein Glück als Schauspieler sucht, schon fast fünfzehn Jahre alt ist, passt sie genau ins Ägypten drei Jahre nach dem Sturz Husni Mubaraks: ein Mann auf der Suche nach sich selbst, hin- und hergerissen zwischen Vaterliebe und Patriarchensturz. Im Stich gelassen von falschen Freunden in Frankreich kehrt Ali nach zwei Jahren als Boxer in manipulierten Kämpfen gedemütigt in das Armenviertel Kairos zurück, dem er zu entfliehen versuchte. Nichts hat sich geändert.

          „Kulturelle Entwicklungshilfe“

          Wie aufgeladen die Stimmung in Ägypten am dritten Jahrestag des Mubarak-Sturzes und ein halbes Jahr nach dem Sturz von Mubaraks Nachfolger, Muhammad Mursi, noch immer ist, konnten die Direktorin des Filmfestivals in Luxor, Magda Wassef, und ihre Mitarbeiterinnen nicht ahnen. Fast fünfzig Menschen kamen bei Anschlägen und Straßenschlachten am Wochenende ums Leben. Die Preisverleihung am Samstagabend im Karnak-Tempel fand unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen statt. Am Nilufer spielten derweil Halbstarke auf den Ladeflächen von Pick-ups patriotische Lieder ab, schwenkten ägyptische Fahnen und hielten Poster des neuen starken Mannes, General Abd al Fattah al Sisi, in die Höhe.

          Zum zweiten Mal fand das Filmfestival vor der prächtigen Kulisse der Pharaonentempel des historischen Theben statt und wieder vor dem Hintergrund politischer Kämpfe. „Als wir im September 2012 anfingen, hatte Mursis Präsidentschaft gerade begonnen“, sagt die Direktorin Wassef. „Das hat uns aber nicht davon abgehalten, unser Programm durchzuziehen.“ Ihr gehe es darum, „die Freiheit der Kunst zu verteidigen“ und „die Filmemacher des jungen ägyptischen Kinos zu unterstützen“. Hinzu kommt, was man im konservativen Oberägypten als kulturelle Entwicklungshilfe bezeichnen kann: Nichts weniger als die Wiederbelebung der einst aktiven ägyptischen Kinoszene strebt Frau Wassef an; der Bau neuer Säle in Provinzstädten wie Luxor oder zumindest die Installation moderner Technik in den staatlichen Kulturpalästen wäre schon ein Erfolg, sagt sie.

          Kostenlose Tickets

          Um die Mitglieder der großen Familienclans zum Kinobesuch zu bewegen, wurden Tickets verschenkt. Den Fernseher in den eigenen vier Wänden zu verlassen und sich in die dunklen öffentlichen Säle zu begeben, kommt für viele einer Revolution gleich. Dabei waren Kinos vor Beginn der neoliberalen Ära unter Mubarak soziale Treffpunkte und beliebte Ausflugsziele von Familien. Doch den Eintritt zu den Multiplexen in Alexandria und Kairo kann sich die Unterschicht nicht leisten, und in der Provinz gibt es kaum noch Kinos.

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