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Cannes-Kommentar : Der Favorit bekommt gar nichts

  • -Aktualisiert am

Spike Lee feierte seine Auszeichnung mit einem Tanz auf dem roten Teppich. Bild: AFP

In Kore-Eda Hirokazu hat die Goldene Palme von Cannes einen würdigen Preisträger gefunden. Auch mit dem Sonderpreis für Jean-Luc Godard zeigte die Jury das richtige Gespür. Nur eine Entscheidung bleibt schwer nachvollziehbar.

          Niemand kann ernsthaft kritisieren, dass Kore-Eda Hirokazu für seinen Film „Shoplifters“ die Goldene Palme gewonnen hat. Es war einer der besten Filme im Wettbewerb, überraschend in seiner Zeichnung einer Familie, die sich als alles andere als familiär verbunden entpuppt, in seiner Infragestellung damit von Beziehungen und Konstellationen des Zusammenlebens, die wir für natürlich halten. Kore-Eda, seit 2001 immer wieder in verschiedenen Sektionen in Cannes präsent, fünf Mal davon im Wettbewerb und 2013 bereits für „Like Father, like Son“ mit dem Jury-Preis ausgezeichnet, brachte in diesem Jahr seinen besten Film bisher in die Konkurrenz. Unsentimental, aber voller Gefühle. Gesellschaftsanalytisch auf engstem Raum. Ohne jeden Elendskitsch und doch erschütternd in seiner Darstellung des Lebens seiner Figuren ganz am Rand der japanischen Gesellschaft und mit einem Darstellerensemble, das die diffizilen Verhältnisse mit Gespür für die manchmal inhärente Komik glaubhaft machte. Und mit Kindern, die den Zuschauer nicht in einem Komplizenschaft per se hinein manipulierten.

          Spike Lee akzeptierte den Grand Prix für seine Antirassismus-Satire „BlackKklansman“ im Namen der „Volksrepublik Brooklyn, New York“. Nach so langer Abwesenheit im Wettbewerb, nach 27 Jahren, um genau zu sein, kam er mit diesem wütenden und lustigen Film, zu dem man aber tanzen könnte, zurück und erlebte zur eigenen Rührung in der Premiere, dass die Leute ihn liebten und feierten. Zum Dank tanzte er auf dem roten Teppich. Dass auch er für seinen besten Film seit einiger Zeit hier den zweiten Preis, wenn man so will, gewann, ist auch ein gutes Zeichen für dieses Festival, das sich teilweise unsicher zeigte in seiner Filmauswahl in diesem Jahr.

          Und Godard! Endlich gewinnt er mal was hier, nachdem er bereits das achte Mal dabei ist. Ob sein Film, ob dieser Regisseur überhaupt in einen Wettbewerb gehört – darüber kann man streiten. Er ist eine solche Ausnahmefigur des Kinos, und dies schon so lange, dass es eigentlich keine Konkurrenz für ihn gibt im Sinne von: besser oder schlechter, leichter oder bedeutender. Heute hat er nun endlich etwas Großes gewonnen, nämlich eine spezielle Goldene Palme, die ausdrücklich für ihn erfunden wurde.

          Der Rest verteilte sich, wie das so geht bei Jury-Entscheidungen. In diesem Jahr merkt man die unterschiedlichen Sichtweisen innerhalb der Jury aus vier SchauspielerInnen, zwei Regisseuren und einer Sängerin aufs Kino auch dadurch, dass ein Preis geteilt wurde, um noch einen Film mehr unterzubringen. „3 Faces“ von Jafar Panahi vermutlich, für den sich irgendjemand stark gemacht und sich wenigstens mit einem halben Drehbuchpreis durchgesetzt hat.

          Wie es dazu kommen konnte, dass Lee Chong-Dong mit seinem überragenden Film „Burning“ völlig leer ausging, werden wir so schnell nicht erfahren. Es ist die große Ungerechtigkeit, das Rätsel dieser Palmenentscheidung, was nichts von der Freude über Kore-Edas Goldener Palme nehmen soll. Und nur ein wenig vom Respekt vor dieser Jury in einem schwierigen Jahr.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

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