https://www.faz.net/-gqz-72k4r

Filmfest Venedig : Magie macht Schulden, Kino bezahlt

Wer auf Lügen hofft, ist nicht ganz verloren: Joaquin Phoenix in Thomas Andersons „The Master“ Bild: Reuters

Viel Schmachten, Sehnen und Gottsucherei ist beim Filmfestival in Venedig dabei. Heraus sticht ein Meisterwerk, ein mächtiger Bildroman - Andersons „The Master“.

          3 Min.

          Wogende Wiesen, in Meer schwebende Schildkröten, Dämmer. Es weht und schimmert, blüht und baumt. Ehrfurcht ist, wenn man die Welt oft von unten filmt. Ja, auch alte Kirchen sind schön. Aber damit darf ein Regisseur nicht angeben: Er hat sie nicht gebaut; ihr geistlicher Glanz ist älter als seiner. Terrence Malick braucht Urlaub, bevor er sich vor lauter existentieller Spiritualität selbst selig spricht oder verzückt vor ein Auto läuft.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Als der Eigenbrötler letztes Jahr in „The Tree of Life“ die Gnade des Allmächtigen in der Kleinfamilie und bei den Dinosauriern suchte, hatte das seine Reize. Jetzt knöpft er sich, in „To the Wonder“, die Liebe zwischen Mann und Frau vor. Ben Affleck ist der alte Adam, aber Rippen fehlen ihm gleich zwei: erstens Olga Kurylenko mit nussfarbenen Kräusellöckchen, zweitens Rachel McAdams, blond bis ins Herz. Zwischendurch geht Javier Bardem rastlos auf und ab, als strauchelnder Priester. Nebenher erinnert ein alter (!), listiger (!!), schwarzer (!!!) Fensterputzer (!!!!), der in Gleichnissen redet (!!!!!), an die Güte des Höchsten. Postkartenpanoramen, Supermarkt-Klassik von der Potpourri-CD für 9 Euro, Alten-, Kranken- und Armenfotografie aus dem Caritas-Wandkalender, abgegriffene Glockeneffekte, präraffaelitische Frauenattrappen, die immer nur tanzen und sich sehnen und schmachten, ja sogar - der Abspann verrät es - einmontierte direkte Zitate aus „The Tree of Life“. Wie mahnt die Schrift? Es ist alles eitel. Eine hilflosere Selbstdemontage dürfte dieses Jahr nicht im Wettbewerb von Venedig stehen.

          Orthodoxe Himmelhöllen

          Manche halten Gottsucherei im Kino ja für ein Männervorrecht: Wenn Godard sich Maria und Josef vor die Linse holt oder Mel Gibson den Heiland auf dem Kreuzweg begleitet, zieht der Cineast den Hut, aber Frauen dürfen immer nur zweifeln, am besten feministisch. Die orthodoxe Jüdin Rama Burshtein aus Israel macht da nicht mehr mit und legt der Jury von Venedig mit „Lemale Et Ha’ Chalal“ lieber einen Film vor, dessen Weichzeichnerbilder selbst Beschneidungswerkzeuge wie teuren Designer-Schmuck vorführen, bis das Dilemma des jung verwitweten Vaters, der seinem Sohn eine neue Mutter sucht, sich mit der nötigen Hilfe von oben im schneeweißen Hochzeitskleid einer Jungfrau auflöst. Sexualpolitisch reaktionärer als drei Mullahs und anderthalb Piusbrüder, visuell gefällig bis zur Blendung, bevölkert von extrem gutaussehenden Gläubigen beiderlei Geschlechts: Der Film zeigt einen Himmel, vor dem Ungläubige sich mehr fürchten müssen als vor jeder Hölle.

          Wenn andererseits etwas mit so quietschbunt agnostischer Juxigkeit und hupend spaßversessener Musik anfängt wie der Löwenaspirant „È stato il figlio“ des Italieners Daniele Cipri, will man nach fünf Minuten nichts mehr wissen von der quirligen Familienwelt Siziliens, albernen Opas, listigen Omas, faulen Söhnen und dummen Vätern. Selbst nachdem Mafiosi ein Kind erschossen haben, boxt einem hier die blöde Unverwüstlichkeit der kleinen Leute dauernd gegens Zwerchfell.

          Weitere Themen

          Theater und die Kunst zu leben Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung – Folge 6 : Theater und die Kunst zu leben

          In dieser Folge der „Spielplanänderung“ kehren wir zum wahren, schönen Leben zurück: Sardanapal ist nicht nur tragischer König und Bühnenheld, sondern vor allem ein Genießer des schönen Lebens. Zusammen mit dem langjährigen Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann erkunden wir Parallelen zwischen diesem König, der keiner sein will und heutigen politischen Disputen.

          Topmeldungen

          Der belarussische Staatschef Alexandr Lukaschenko

          Belarus : Lukaschenko greift Deutschland wegen Sanktionen scharf an

          Der belarussische Staatschef bringt die Strafmaßnahmen des Westens in Verbindung mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion vor 80 Jahren. In Richtung von Außenminister Maas fragt er, ob dieser ein „Erbe der Nazis“ sei.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.