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Film : Objektivitätszensur

  • -Aktualisiert am

Regisseur Fernand Melgar beim 67. Internationalen Filmfestival in Locarno. Bild: dpa

Zur Dokumentation „Vol spécial“, über die Abschiebung unerwünschter Einwanderer, verhält sich die Schweiz bedenklich - das Land will kritische Filme einfach nicht mehr ins Ausland schicken.

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          Dieser Film schlug hohe Wellen. Beim Festival von Locarno, wo Fernand Melgars „Vol spécial“ uraufgeführt wurde, hätte er nach Ansicht mancher Kritiker den Goldenen Leoparden verdient gehabt, und er hat seither tatsächlich viele andere Auszeichnungen bekommen. Doch in Locarno gab es Schelte: „Faschistisch“ sei der Film, erklärte der Jury-Präsident. Sein Regisseur mache sich zum Komplizen eines unmenschlichen Systems. Melgar hatte seinen Dokumentarfilm in einem Gefängnis beim Genfer Flughafen gedreht, dessen Insassen auf ihren „Ausschaffungsflug“ warten. Er vermeidet jede Schwarzweißmalerei. Elend, Angst und Hoffnungslosigkeit der unerwünschten Einwanderer werden nicht verschwiegen. Aber auch die Wärter kommen zu Wort. Sie haben Skrupel, Gewissensbisse, sind pflichtbewusst, manchmal auch abgestumpft.

          Weil sie der Regisseur aber nicht von vornherein als Faschisten diffamiert, wurde er selbst als solcher bezeichnet. Dabei zeigt Melgar nur, was niemand sehen will. Das tat er bereits in seinem Film „La Forteresse“ (Die Festung), der „Vol spécial“ vorausging. Jetzt beschließt er mit „L’Abri“ seine Trilogie des Asyls in der Schweiz. Diesmal hat er Obdachlose gefilmt, die in den Wintermonaten in einem Zivilschutzkeller Zuflucht suchen. Ganze Nächte verbrachte er mit ihnen. Auch das Gerangel um die Plätze im Bunker zeigt er, Frauen und Kinder haben Priorität. Wieder dokumentiert der Regisseur auch das Dilemma der Wärter, die über die Vergabe von Betten und Mahlzeiten entscheiden müssen. Die Schweizer Behörden empfinden Melgars Dokumentation keineswegs als komplizenhaft, sondern als kritisch und rufschädigend.

          „Präsenz Schweiz“ sorgt für die positive Außenwirkung

          Nun gibt es Streit über die Frage, ob man diesen Film ins Ausland schicken dürfe. Seit der Abstimmung gegen die Masseneinwanderung ist die PR-Agentur der Eidgenossenschaft, „Präsenz Schweiz“, auf positive Außenwirkung bedacht. Sie wird von Nicolas Bideau geleitet, der früher Chef der Schweizer Filmförderung war und mehr Erfolgsfilme forderte. Der Widerstand gegen ihn war so groß, dass er zurücktreten musste. Inzwischen hat die Schweiz auch die Zuständigkeit für die Entsendung von Filmen an ausländische Festivals an die „Präsenz Schweiz“ übergeben.

          Die Agentur war als Antwort auf die Vorwürfe über das Verhalten des Landes im Zweiten Weltkrieg gegründet worden. „Die Objektivität des Inhalts und die Veranstaltung sind für unsere Unterstützung ausschlaggebend“, erklärt Bideau freimütig. Jeder Exporthilfe müsse besonders bei Filmen über die Schweizer Einwanderungspolitik eine „gründliche Prüfung“ vorausgehen. Schon „Vol spécial“ war die Finanzierung für eine Vorführung in Gabun verweigert worden. Melgar stellt fest: „Eine Institution, welche diese Art von Filmen nicht ins Ausland schicken will, betreibt eine Form von Zensur.“ Auch für die helvetische Filmförderung lässt die Sache nichts Gutes erwarten.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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