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Film : Nur allzu bereit, dem Verführer zu folgen

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Aufstieg des Bösen: Robert Carlyle als Hitler Bild:

Wenn die Schreckensherrschaft anfängt, hört das Fernsehen auf: Obgleich die zweiteilige CBS-Miniserie "Hitler: The Rise of Evil" nicht als Großwerk televisionärer Kunst anzusehen ist, überzeugt sie ihre Kritiker.

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          Der alkoholisierte Vater haut ihn windelweich. Die Mutter, wenn sie nicht auf Juden und Zigeuner schimpft, verwöhnt ihn unverzeihlich. Die Halbnichte läßt sich auf ein leicht inzestuöses Techtelmechtel mit ihm ein. Die Kunstakademie mag gleich zweimal hintereinander seine Zeichnungen nicht. Die Kameraden im Schützengraben hänseln ihn, weil ihm nicht mal sein Hund gehorcht. Ja, wie hätte aus dem Jungen, dem nur ein paar hastige Filmschnitte zugestanden werden, um zum jungen Mann heranzuwachsen, etwas Anständiges werden sollen?

          "Hitler: The Rise of Evil", das auf zwei Abende verteilte "Biopic", mit dem die amerikanische Fernsehgesellschaft CBS das für künftige Werbeeinnahmen entscheidende Quotenrennen im Mai gewinnen will, hat sich viel vorgenommen und dabei im voraus die Kontroversen nur so purzeln lassen. Schon der Entschluß, als nächstes spektakuläres Dokudrama nicht etwa die gesamte Unheilsgeschichte des schauerlichsten aller Tyrannen wiederaufzurollen, sondern bloß seine formativen Jahre bis zur Machtergreifung zu schildern, rief lautstarke Proteste hervor.

          Ernsthaft, wohlinformiert und durchaus reißerisch

          So prangerte Abraham Foxman von der jüdischen Anti-Defamation League prophylaktisch eine Trivialisierung und unzulässige Humanisierung an, zu der ein Film über "Hitler, den Mann, Hitler, den Liebhaber, Hitler, den Jugendlichen" unweigerlich führen müsse.

          Jetzt hat Foxman den, samt Werbung, sich über vier Stunden ausbreitenden Film gesehen und ist voll des Lobes. Er hat nicht völlig unrecht. Denn wenn der neue Fernseh-"Hitler" auch wahrlich nicht als Großwerk televisionärer Kunst anzusehen ist, umreißt er doch ernsthaft, wohlinformiert und - ganz ohne Show geht eben die Chose nicht - durchaus in reißerischen Bildern die Vorgeschichte eines Scheusals, vor dem er auch unterschwellig nicht zu Kreuze kriecht.

          Begradigter Handlungsfluß

          Um selbst die Gefahr einer sympathischen Regung beim Zuschauer auszuschließen, ist die Kindheit Hitlers auf einige rasche, vom Vorspann überblendete Schnitte reduziert. Richtig los geht es erst im Obdachlosenasyl in Wien, und alle folgenden Stationen, vom Hofbräuhaus über ein Festbankett, das der angehende Diktator in Lederhosen absolviert, bis zum Putsch von 1923 und der Einlieferung in die Landsberger Haft, mit der Teil eins endet, werden gewissenhaft mit Datum und Ortszeile versehen.

          Die historische Genauigkeit, die damit beschworen wird, ist jedoch nicht absolut zu verstehen. Viel lieber reden die Produzenten der Sendung von einer "thematischen Wahrheit", die es ihnen, wie sie meinen, auch erlaubt, prägnante Szenen zu erfinden. Hitlers Antisemitismus kommt früh in seiner Militärzeit zum Ausbruch, und des geschmeidigeren Dokudramas wegen wird Friedrich Hollaenders "Tingeltangel" von Berlin nach München verlegt. Der begradigte Handlungsfluß mündet deswegen nicht in ein besseres Verständnis der Hauptfigur. Deren Pathologie wird, wenn überhaupt, aus ihrer Kindheit und Jugend erklärt, und das vermag halt allenfalls pop-psychologisch zu überzeugen.

          Die Miniserie bekommt den Hitler im Miniformat

          Niemand aber wird wohl auch erwartet haben, daß einem kommerziell ausgerichteten Fernsehzweiteiler gelingt, was Legionen von Historikern nicht fertigbrachten. Das Psychogramm des Ungeheuers, wie es Robert Carlyle, bekannt aus Filmen wie "The Full Monty" und "Trainspotting", mit nervöser Energie, erwartungsgemäß hysterisch, aber dennoch nicht karikierend erstellt, hält sich bei aller darstellerischen Virtuosität an die herkömmlichen Schablonen.

          Positiv zu vermerken ist, daß der vage englische Akzent, mit dem der schottische Schauspieler in der amerikanischen Produktion aufwartet, den Lachnummern à la Oberst Klink und Feldwebel Schultz aus der unverwüstlichen Fernsehserie "Hogan's Heroes" keine Chance gibt. Carlyle braucht sich hinter Vorgängern im extremen Diktatorenfach, ob sie nun Alec Guinness oder Anthony Hopkins hießen, nicht zu verstecken, auch wenn "The Fuhrer" bisher nie spindeliger und fisseliger in die Kamera blickte. Die Miniserie bekommt den Hitler im Miniformat.

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