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Film : Frost auf deutschen Seelen

  • -Aktualisiert am

Frost auf deutschen Seelen und bohrende russische Blicke: Dreharbeiten zum Film über die letzten Tage des Dritten Reiches.

          5 Min.

          An der Petersburger Großen Meeresstraße, der Bolschaja morskaja, wo Vladimir Nabokov gewohnt hat und heute das ihm gewidmete Museum untergebracht ist, prangt in diesen Tagen gegenüber dem stalinistischen Kulturpalast ein Berliner U-Bahn-Ausgang mit zerschossenem Namensschild. Auf der abgesperrten Straße liegen verkohlte Autowracks und Schutt, die Aufschrift am Gebäude des Justizministeriums ist überklebt. Am Abend müssen sich die Anwohner mit ihren Einkaufstaschen durch Scharen herumstehender sowjetischer und deutscher Wehrmachtssoldaten hindurchdrängen. Hier drehen Oliver Hirschbiegel und Bernd Eichinger für ihr Großprojekt "Der Untergang" über die letzten Tage des Dritten Reiches Szenen aus dem Berliner Endkampf am U-Bahnhof Friedrichstraße.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Als die Spree, über die SS-Gruppenführer Mohnke seine Mannen führt, figuriert das Flüßchen Moika, deren Potschtamtski-Fußgängerbrücke ("Postamtsbrücke") ein Kleid aus Stacheldraht trägt. Dank der Dialektik der Geschichte findet man nirgends so passende Kulissen für Filmszenen aus dem untergehenden Berlin wie in der Kulturhauptstadt der Siegernation, wie Hirschgiebel zugeben mußte. Die russischen Anwohner machen dafür vor allem ihre Obrigkeit verantwortlich. In der alten Petersburger Ischorski-Fabrik für Maschinenbau fand sich ein Luftschutzkeller, den man als Lazarett im Bunker der Reichskanzlei herrichten konnte, und die Schkapinstraße diente drei Wochen lang als veritabler Ruinenschauplatz für Straßenkämpfe. Die Dreharbeiten endeten dort just an jenem Spätsommertag, da man in Petersburg der Opfer der Leningrader Blockade gedenkt.

          Grundlage: Buch von Fest und Aufzeichnungen der Sekretärin

          Dem mit gewaltigem Aufwand produzierten Filmmonument liegt Joachim Fests gleichnamiges Buch zugrunde, ferner die Aufzeichnungen von Hitlers Sekretärin Traudl Junge "Bis zur letzten Stunde". Er umfaßt die Zeitspanne von Hitlers 56. Geburtstag am 20. April 1945 bis kurz vor der Kapitulation in den ersten Maitagen und verfolgt, wie sich im zerstörten Berlin die selbstmörderischen Abwehrkämpfe noch nach Hitlers Selbstmord fortsetzen, als es den Urheber dieses Krieges nicht mehr gibt. Bis in den November soll in Rußland und in den Münchner Constantin-Studios gedreht werden. Dem historischen Stoff fügte Drehbuchautor und Produzent Bernd Eichinger die fiktive Figur des zwölf Jahre alten Hitlerjungen Peter Kranz hinzu, der, zunächst vom Führer wegen heldenhafter Panzerabwehr dekoriert, sich später zu den Flüchtlingen schlägt und der gefallenen Feste entkommen kann. Mit Bruno Ganz als Hitler, Ulrich Matthes als Goebbels, Heinrich Ferch als Albert Speer und Thomas Kretschmann als SS-Gruppenführer Fegelein hat sich ein ehrfurchtgebietendes Schauspielerensemble zusammengefunden.

          Hauptdarsteller Bruno Ganz bekennt, die Rolle Hitlers, auf die er sich durch ausgiebiges Literaturstudium vorbereitet hat, übe eine eigene Sogwirkung aus. Im Kern dieser Figur spüre man eine Leere und einen Haß, die durch Zerstörung kompensiert wird. Der Lernprozeß, welchen die Verkörperung mit sich bringe, stehe im übrigen noch ziemlich am Anfang. Die Interieurs der Reichskanzlei liefert die von Peter Behrens 1911 errichtete kaiserliche deutsche Botschaft, wo heute Büros des Justizministeriums und der Liegenschaftsverwaltung der Stadt untergebracht sind. Dieses neoklassizistische Meisterwerk des deutschen Avantgardisten, von dem Wilhelm II. begeistert war und über dessen finsteres Pathos sich stilbewußte Petersburger noch heute empören, ist im Inneren vorübergehend nationalsozialistisch dekoriert.

          Pläne noch in den letzten Kriegstagen

          Den Treppenaufgang schmückt ein hakenkreuzbewehrter Reichsadler, im großen Empfangssaal hängen Standarten und ein Führerporträt. Im abgedunkelten Saal nebenan läßt Hitler sich von Speer noch das Modell des als phantastische Reichshauptstadt Germania überbauten Berlin vorführen, welches rumänische Handwerker im Auftrag des Constantin-Studios originalgetreu reproduziert haben. Das Brandenburger Tor erscheint darin als winziger Unterbau eines kolossalen Triumphbogens, dessen klobige Gestalt an einen riesigen Sarg denken läßt. Sodann wird die Geburtstagsszene gefilmt, in der Ulrich Matthes alias Goebbels seinen gramgebeugten Führer durch ein günstiges Horoskop aufzumuntern sucht. Hitler, den Bruno Ganz verkörpert, kann sich mit schwach krächzender Stimme kaum bedanken, da empfiehlt sein Propagandaminister, wegen des fortdauernden Beschusses lieber den Aufenthaltsort zu wechseln.

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