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Film der Woche : Distanziert: Die Lady und der Herzog

  • -Aktualisiert am

Politisch entzweit, privat befreundet: Die Lady und der Herzog Bild: tobis

Die Revolution als Kammerspiel: „Die Lady und der Herzog“ von Eric Rohmer neu im Kino.

          Eric Rohmer wird bald 82 Jahre. Der Stoff seines neuen Filmes ist weit mehr als zwei Jahrhunderte alt. Und doch ist der neue Rohmer überhaupt nicht altbacken, sondern kühn und inspiriert.

          Der Meister der filmischen Beziehungsgespräche wagt mit seinem neuesten Konversationsstück ein formales Experiment, das wie Theater klingt, wie Malerei des 18. Jahrhunderts aussieht und mit den modernen Mitteln der digitalen Fotografie arbeitet.

          Rohmer verfilmt die Tagebücher der Grace Elliott, einer englischen Aristokratin, die 1786 nach Frankreich zog, wo sie die Geliebte von Prinz Philippe, Herzog von Orleans, wurde. Der ist ein Verwandter des französischen Königs. Während Grace (Lucy Russel), sich als ausgebufftes Königsluder und überzeugte Royalistin hervortut, vertritt der Herzog (Jean-Claude Dreyfus) die Sache der Revolution.

          Die beiden ehemaligen Geliebten halten trotz konträrer Anschauungen ihre Freundschaft aufrecht. Als am 10 August 1792 die Tuilerien gestürmt werden und Louis XVI. ins Gefängnis wandert, gelingt es Grace, aufs Land zu fliehen.

          Eine dramatische Handlung

          Später, mitten in den September-Massakern, traut sie sich zurück nach Paris, um einem Flüchtling zu helfen. Erst in Paris erfährt sie, dass es sich bei dem Mann, den zu retten man sie gebeten hatte, nicht um den Prinzen handelt, sondern um den Marquis de Champcenetz (Léonard Cobiant). Er war Verwalter der Tuilerien. Sie mag den Mann nicht, trotzdem versteckt sie ihn - eine gewagte Aktion. Philippe verhilft dem Mann zur Flucht, obwohl er ihn zu seinen Feinden zählt. Doch allein so kann er die Freundin vor der ihr drohenden Strafe retten. Man sieht, hier ist eine Menge los. Und das ist nur der Anfang.

          Verglichen mit den anderen Werken Rohmers, der wie kein anderer Regisseur die Anmut des Wortes durch kaum bewegte Bilder zur Geltung bringt, könnte man „Die Lady und der Herzog“ für einen Action-Film halten. Könnte, denn wie in einem klassischen Theaterstück erfährt man von den dramatischen Begebenheiten nur durch die Bühnendarsteller.

          Tatsächlich sieht man in den Bildern nur wenig Handlung: Die Geschichte bewegt sich in Dialogen fort - vor allem in den Gesprächen zwischen der hochmütigen Royalistin und dem freiheitlich denkenden Mitglied der königlichen Familie, die sich gegenseitig von ihrem Standpunkt zu überzeugen suchen. Er will, dass sie Frankreich verlässt, sie will, dass er sich von den Revolutionären distanziert und nicht für die Exekution des Königs stimmt.

          Revolutionsfilm ohne Menschenmassen

          Natürlich erfahren wir dabei auch von der Terreur der Revolutionäre, doch einen politischen Standpunkt vertritt der Film nicht. Vielmehr choreographiert Rohmer die Ambivalenz zwischen der Enländerin und dem französischen Herzog und ihre Beziehung zwischen persönlicher Loyalität und politischer Gegnerschaft.

          Das Unterfangen ist gewagt. Rohmer arrangiert sein Stück wie eine Kammerspiel und verzichtet gegen die Tradition des Genres ganz auf Massenszenen. Er folgt darin weniger Brecht als Bresson, der einmal sagte: „Alles zu zeigen, weiht das Kino dem Klischee, zwingt es, die Dinge zu zeigen wie alle Welt die Gewohnheit hat, sie zu sehen.“

          Der Verzicht auf erregende Action regt den Zuschauer zum distanzierten Urteil an. Und die gemalten Theater-Prospekte lassen nie einen Zweifel, dass ein Film nur ein Film und nicht mit der Realität zu verwechseln ist.

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