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Film : Der sieht ja aus wie mein Onkel Oscar!

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Oscar Bild: dpa

Am kommenden Wochenende wird in Hollywood die begehrteste Film-Trophäe der Welt verliehen. Ein Vorbericht.

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          Die Kritiker der „New York Times“ haben ihre Urteile schon gefällt. Unter den Filmen, die für den „Oscar“ nominiert sind, halten alle drei „Traffic“ für den besten und dessen Regisseur Steven Soderbergh für den preiswürdigsten Regisseur. Die Entscheidung darüber, wer am kommenden Wochenende den „Oscar“ in den Händen hält, treffen jedoch nicht die Kritiker, sondern die 5.685 Mitglieder der American Academy of Motion Picture Arts and Sciences.

          Wie üblich gaben sie schon vor Wochen ihre Nominierungen bekannt. Die Firma Pricewaterhouse zählte die Stimmen aus. Die Auszählung wurde zweimal wiederholt. Pannen wie bei den Präsidentschaftswahlen in Florida sind ausgeschlossen, schreibt die „Times“ und empfiehlt dem Gesetzgeber spöttisch, sich an Hollywood ein Beispiel zu nehmen.

          Aus den Nominierten wählen die Akademie-Mitglieder die „Oscar“-Gewinner. Dazu erhalten sie den Wahlzettel mit den Nominierten. Auf diesem Zettel kreuzen sie in jeder Kategorie ihren Favoriten an.

          Oscargewinner Nicole Kidman und Adrien Brody

          Nur zwei wissen schon vorher Bescheid: die Chef-Auszähler

          Am Dienstag, 20. März, um 17 Uhr sollen diese Stimmzettel ausgefüllt der Firma Pricewaterhouse vorliegen. „Pricewaterhouse“ schwört auf die Handauszählung. „Unser System ist absolut händisch und hat sich nie geändert. Es ist viel zuverlässiger als jede maschinelle Auszählung“, sagt eine Firmensprecherin.

          Von Mittwoch bis Freitag sitzen dann vier Mitarbeiter der Firma Rücken an Rücken vor ihren Stimmzetteln in einem Raum zusammen und zählen aus. Dabei ist es ihnen streng verboten, miteinander zu sprechen. Die Vier übergeben ihre jeweiligen Resultate an die Chef-Auszähler Lisa Pierozzi und Greg Garrison. Die rechnen die Endergebnisse aus. Von Mittwoch bis zur Bekanntgabe der Preise am Sonntag wissen diese beiden und sonst niemand, wer tatsächlich am Sonntagabend den „Oscar“ bekommt.

          Alle anderen dürfen spekulieren: Ridley Scotts „Gladiator“ hat mit zwölf Oscar-Nominierungen zwei Nominierungen Vorsprung, dafür hat das Martial-Arts-Epos „Tiger & Dragon“ Rückenwind durch andere Preise: Ang Lees Meisterwerk wurde mit zwei Golden Globes, vier British Academy Awards, dem Directors Guild-Award und mehreren „kleinen“ Trophäen wie dem Publikumspreis des Filmfestivals Toronto ausgezeichnet.

          Während „Tiger & Dragon“ in Deutschland in synchronisierter Fassung lief, bestand der Regisseur in den USA darauf, den Film im chinesischen Original mit Untertiteln zu zeigen. Deshalb ist das Märchen um Liebe und Ehre gleichzeitig für den besten Film und den besten ausländischen Film nominiert. In einer Kategorie soll „Tiger & Dragon“ der Oscar so gut wie sicher sein: Ang Lee wurde bereits mit dem Directors Guild-Award (DGA) ausgezeichnet. Dieser gilt als sicherer Indikator für die Oscar-Verleihung: Seit 50 Jahren hat der Preisträger des DGA-Awards auch den Oscar für die beste Regie gewonnen. Es gab nur vier Ausnahmen.

          Die Ursprünge des Oscar

          Der Ursprünge des „Oscar“ liegen im Jahre 1927. Damals boomte die Filmindustrie, aber die Qualität der Filme ließ zu wünschen übrig. Produzenten wie Louis B. Mayer und Filmhelden wie Douglas Fairbanks und Harold Lloyd beschlossen daher, etwas zur Verbesserung des Niveaus zu tun. Mit 33 weiteren Kollegen gründeten sie die „Academy of Motion Picture Arts and Sciences“.

          1929 führt die Organisation eine Preisverleihung ein, die den Anreiz für filmische Anstrengungen erhöhen soll. Die erste „Academy-Award“-Gala fand am 16. Mai in einem Salon des Roosevelt Hotels in Hollywood statt. Mit 250 Gästen wirkte die Veranstaltung eher wie ein privates Dinner.

          Der Schweizer Emil Jannings erhielt damals für den Stummfilm „Sein letzter Befehl“ den Preis als bester Hauptdarsteller. Kurz darauf trat der Tonfilm seinen Siegeszug um die Welt an. Jannings hatte mit seinem schweren deutschen Akzent in Hollywood keine Chance mehr.

          In den Anfangsjahren wurden 15 Statuetten verliehen. Im Laufe der Jahre steigt die Anzahl der Kategorien auf über 20.

          Die Trophäe wird in Handarbeit hergestellt

          Die Oscar-Trophäe ist vier Kilo schwer, knapp 35 Zentimeter groß, besteht im Innern aus einer Zinn-Kupfer-Legierung, außen aus einer 24-karätigen Goldschicht - rein materiell betrachtet, ist ein „Academy Award“ etwa 3.000 Dollar wert. Die Firma R.S. Owens and Company in Chicago nimmt sich jedes Jahr drei bis vier Wochen Zeit, um die Figuren in Handarbeit herzustellen.

          Den Spitznamen „Oscar“ erhielt die Trophäe in den 30er Jahren angeblich vom Academy-Mitglied Margaret Herrick. Als sie den Mann mit dem Schwert zum ersten Mal sieht, meint sie: „Der sieht ja aus wie mein Onkel Oscar!“ Offiziell wurde der Name erst 1939 von der Academy benutzt, Jahre nachdem die Presse ihn salonfähig gemacht hat.

          Während des Zweiten Weltkriegs musste der Oscar aus Gips hergestellt werden, weil Metall ausschließlich für Kriegszwecke verwendet werden durfte.

          In mehr als siebzig Jahren Oscar-Verliehung gab es nur drei Ereignisse, die den Termin zum Platzen brachten. 1938 fiel die Gala wegen einer Flut ins Wasser und musste eine Woche später nachgeholt werden. 1968 verschob die Akademie die Verleihung im Gedenken an den ermordeten Bürgerrechtler Martin Luther King um zwei Tage. Nach dem Attentat auf Präsident Ronald Reagan wartete man 1981 vorsichtshalber 24 Stunden ab, bis Reagan sich außer Lebensgefahr befindet.

          Die Oscar-Statistik

          Mit elf Auszeichnungen lag „Ben Hur“ (1960) fast dreißig Jahre unangefochten an der Spitze der Oscar-Statistik. 1998 gelang James Cameron mit „Titanic“ derselbe Rekord. Auf den vorderen Plätzen finden sich außerdem „West Side Story“ (1960, zehn Oscars), „Gigi“ (1959, neun Oscars), „Der letzte Kaiser“ (1988, neun Oscars) und „Der englische Patient (1997, neun Oscars).

          Seit 1928 wird die Gala live im Rundfunk übertragen, seit 1953 ist das Fernsehen dabei. Als Gastgeber der diesjährigen Show fungiert zum ersten Mal US-Komiker Steve Martin („Solo für 2“). In Deutschland ist die Verleihung der 73. Academy Awards am 26. März ab etwa 3 Uhr morgens live auf dem Privatsender ProSieben zu sehen.

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