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Filesharing als Religion : Vorletzte Werte

  • -Aktualisiert am

Die Welt hat eine neue Religion: „Kopinismus“ nennt sich der offiziell anerkannte Glaube an das Filesharing als höchsten Lebenssinn. Es geht aber nicht um letzte, sondern um strategische Werte.

          Der Kampf um die Freigabe des Raubkopierens hat die Glut von Glaubenskriegen. Dass er jetzt sein offizielles Dogma bekommt, überrascht nicht. Kopieren und tauschen sind die letzten metaphysischen Tätigkeiten. Das sagt die missionarische Kirche des Kopimismus, die es tatsächlich gibt und die man wohl unter die monotheistischen Religionen rechnen muss. Man opfert nur einem Gott: der Information. Alles, was der Netzgläubige zu tun hat, ist, ihren Fluss zu beschleunigen und am heiligen Sakrament des Kopierens mitzuwirken. Kein Aufnahmeritual, keine Glaubensschrift. „Kopimismus behauptet die metaphysische Bedeutung von Informationen.“

          Ein Spaßprojekt? Nicht ganz, sagen seine Anhänger, sondern eines der verrückten Unternehmen, die aufgehen oder schiefgehen können und jedenfalls nicht viel kosten. Man nimmt sich zunächst nicht so ernst, um im Erfolgsfall machtbewusst aufzutreten. Ein Jahr dauerte es, bis die Filesharer-Religion vom liberalen schwedischen Staat als Religionsgemeinschaft anerkannt wurde. Dann sprang sie von Land zu Land. Eine Kopierreligion hat es leicht, sie braucht keinen Baugrund für Minarette, nur eine Website und einen minimalen Ritus für die staatliche Anerkennung. Die Kirche des Kopimismus entschied sich für das „kopyacting“, die Anbetung von Information und Kopie. Versucht man ihn über seinen reinen Symptomwert hinaus ernstzunehmen, dann treibt der Kopimismus den Relativismus auf die Spitze.

          Auch Filesharer haben ihre Götter

          Die religiöse Ontologie geht völlig im Relationalen, im Prinzip der Weitergabe auf. Seine Anhänger machen aber gar nicht erst den Versuch, die Sinnleere im Zentrum zu verbergen. Auch letzte Dinge gehören eben auf die Flatrate. Es geht eher um strategische Werte. Rick Falkvinge, Chefideologe der europäischen Piraten, ist auf die Privilegien aus, die Geistlichen im Rechtsstaat zustehen. Erhöhter Abhörschutz ist eines davon. Das Programm ist so religiös wie das der Piratenpartei politisch. Es hat mit transzendenten Werten nicht viel zu tun. Dass Informationen frei sein wollen, gilt in Technokreisen als Naturgesetz. Auch Naturalisten suchen sich ihre Götter.

          Der Kopimismus versteht sich als evolutionstheoretisch fundierte Religion. Weil alles Leben Kopie sei, gilt die Replikation der Erbinformation als sakraler Akt. Da stört es auch nicht, dass die bioreligiöse Metapher reichlich schief sitzt. Die Natur hält sich bei der Weitergabe der Erbinformation durchaus an Regeln. Der Organismus ist gerade kein promisker Filesharer. Die Glaubensgemeinde des Kopimismus ist klein, aber im Wachsen begriffen. Auch die Koran verteilenden Salafisten in den Fußgängerzonen zählen unbewusst dazu. Sie tun schon das Richtige: Kopien kostenlos verbreiten. Was drin steht, ist ja egal.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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