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Feuilletonglosse : Zuckerguss

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Auch nach fünfzig Jahren deutsch-türkischem Anwerbeabkommen ist die Integration noch immer ein problematisches Thema. Der Slogan zur Feier aber passt schon mal.

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          Es gibt Sätze, die klug und richtig sind, doch irgendwann kann man sie einfach nicht mehr hören. Der wahrscheinlich am häufigsten zitierte Satz der vergangenen Wochen und Monate, der nach den Feierlichkeiten zum fünfzigsten Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommen an diesem Wochenende hoffentlich wieder in der Versenkung verschwinden wird, ist einer von Max Frisch: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.“

          Landauf, landab müssen Frischs Worte derzeit als Titel für Ausstellungen, Konferenzen und Symposien zum Jubiläum herhalten und geben Anlass für manch tiefen Seufzer. Der Schriftsteller schrieb den Satz im Jahr 1965 im Vorwort zu Alexander J. Seilers „Siamo Italiani“, einem Gesprächsband mit italienischen Einwanderern. Dass es Frisch also gar nicht um Türken ging (die von 1961 an nach Deutschland kamen, deshalb ja das Jubiläum), sondern um die schlechte Behandlung von Italienern in der Schweiz, ist offensichtlich untergegangen. Frischs Worte sind längst ein Bonmot, um die Misere der ersten Generation türkischer Gastarbeiter und das anfängliche Versagen der deutschen Politik zu beschreiben. Mit den Feierlichkeiten zum Jahrestag, so scheint es, soll das eingestanden werden.


          Pomp und Eierkuchen

          Erinnert aber wird auch an das fröhliche Jetzt: Es gibt Lesungen deutschtürkischer Autoren, türkische Filmnächte, Kochkurse, einen „Kreativ-Wettbewerb“ von Staatsministerin Böhmer, und die Bundesregierung hat extra ein Logo entworfen, auf der an ein und derselben Fahnenstange die türkische und die deutsche Flagge einträchtig nebeneinander im Winde wehen. Ganz so, als gäbe es keine handfesten Konflikte. Doch eine mit viel Pomp und Friede-Freude-Eierkuchen gefeierte „Goldene Hochzeit“ (so der Titel der zum Jubiläum organisierten Veranstaltungsreihe des Hamburger Thalia-Theaters), auf der alle Gäste wissen, dass das Paar sich erst ignoriert, dann jahrzehntelang gezankt hat und immer noch Sitzungen beim Paartherapeuten nötig hätte, hinterlässt in der ganzen Familie einen bitteren Nachgeschmack.

          Auf türkischer wie auf deutscher Seite empfindet manch einer die Beziehung zueinander nicht als Liebesheirat, sondern als Zweckehe, mitunter sogar als Zwangsheirat - da hilft auch keine noch so süße Hochzeitstorte mit einem dickem Zuckerguss aus Mitgefühl. Vor allem aber helfen keine Reden, in denen mit Zitaten um sich geworfen wird, deren Pathos nur hilflos wirkt.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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