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Feuilletonglosse : Türkenglück

  • -Aktualisiert am

Es waren einmal zwei Königskinder, die trafen sich nach Jahren in Berlin: Bundeskanzlerin Angela Merkel und der türkische Ministerpräsident Erdogan Bild: Reuters

Nach fünfzig Jahren Ehe sieht man klarer, kennt die Macken des anderen. Das gilt auch für das Paar Deutschland und Türkei. Der Stolz macht sie manövrierunfähig.

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          Als Menschenfreund, der niemandem etwas Böses unterstellt, war man bisher geneigt, in der Türkei und Deutschland zwei Königskinder zu sehen, die sich über den Bosporus hinweg Blicke zuwerfen, in denen sich Sehnsucht mit der Einsicht in die Unmöglichkeit einer Beziehung auf so reizvolle wie schmerzliche Weise mischt: „Es waren zwei Königskinder/die hatten einander so lieb/sie konnten beisammen nicht kommen/das Wasser war viel zu tief.“

          Dass das Wasser so tief ist, hätte niemanden vom Beisammensein abhalten müssen; man hätte ja die Brücke über die Meerenge nehmen können. Aber das wollte offenbar keiner. Die Wahrheit ist, und damit lösen wir uns auch schon von der metaphernhaltigen, milden Betrachtung und wenden uns knallharten realpolitischen Erwägungen zu: Die Türkei und Deutschland sind ein altes Ehepaar.

          Wir haben keine Geldsorgen! Und ihr?

          Und nun, wo goldene Hochzeit gefeiert wurde, die natürlich nicht ohne atmosphärische Störungen ablief, sieht man auch erheblich klarer, was den tieferen Konflikt dieses Paares betrifft: Es ist der Stolz, der beide Seiten quasi manövrierunfähig macht. Deutschland oder zumindest seine Bundesregierung will, dass die hier lebenden Türken sich für eine Staatsbürgerschaft entscheiden, und verfährt dabei nach der Schlagermaxime „Ganz oder gar nicht/gehn oder bleiben/ganz oder gar nicht/du musst dich entscheiden.“

          Die Türken aber lassen die fünfzig Jahre Revue passieren, indem sie hauptsächlich auf das blicken, was sie in ihrem eigenen Land erreicht haben, und das ist weiß Gott nicht wenig. Jenseits von kleinlichen Erwägungen über das Bruttoinlandsprodukt, das sowieso kräftig steigt, lässt es sich in einem Satz zusammenfassen, mit dem ein deutsches Magazin just an dem Tag nach dem Erdogan-Besuch die Lage der türkischen Nation zusammenfasst: „Geld spielt bei vielen keine Rolle mehr.“

          Auf ins Land der jungen Menschen

          Das kann Europa nicht von sich sagen, hier spielt nur noch Geld eine Rolle. Deswegen sollten wir auch nicht so unvorsichtig sein, Erdogans jetzt geäußerten Vorschlag, die Deutschen sollten doch auch Türken werden, auszuschlagen. Worauf warten wir? Auf in das Land, wo vielleicht nicht überall Milch und Honig fließen, die Bevölkerung aber kräftig wächst, also immer jünger wird und die Dinge in der Hauptsache, der Rente, überaus günstig liegen.

          Ohnehin überlegen wir seit geraumer Zeit, ob wir es nicht doch besser haben sollten als dermaleinst unsere Kinder, und nennen uns, als Zeichen einer Bereitschaft zur Einbürgerung, ausnahmsweise edogan.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

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