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Feuilletonglosse : Raus mit dem Müll

Diät reinigt den Körper. Nur Dichterkörper sind da etwas anspruchsvoller. Mario Vargas Llosa ist der Beweis. Er kann gar nicht genug vom Abspecken kriegen.

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          Er habe noch nie Werbung für etwas gemacht, sagt Mario Vargas Llosa vor geladenem Publikum in einem schönen Saal nördlich von Madrid, doch diesmal werde er es tun, und dann berichtet er von seiner Erfahrung mit dem Heilfasten in der Buchinger-Klinik in Marbella. Mal etwas anderes, wenn einer nicht fotogen Espresso trinkt oder eine Männeruhr ins Bild hält, sondern davon erzählt, dass der menschliche Körper eine Müllhalde ist, die gereinigt gehört. Er selbst, der fünfundsiebzigjährige Nobelpreisträger, unterziehe sich dem Fasten jedes Jahr drei Wochen lang, und das seit 1984. „Man lernt dabei meditieren“, sagt er. Man werde schlanker, ruhiger, optimistischer. Und der Schlaf werde während des Fastens leicht und flach, er ähnele einem Zustand poetischer Erleuchtung. (Wir fragen uns, ob das Heilfasten dabei hilft, den Nobelpreis zu bekommen?)

          Ein paar Minuten zuvor sind Porträts von Schriftstellern auf der Leinwand erschienen. Der Nobelpreisträger Heinrich Böll, so erfahren wir, war ein Faster bei Buchinger. Und der Verleger Siegfried Unseld. Auch Max Frisch gehörte zu denen, die sich in Marbella der leiblichen Purifikation unterzogen. Es ist wohl das verschlossene Max-Frisch-Gesicht mit dem mürrischen Mund und den herabhängenden Augenlidern, das uns an die Garderobenmetaphorik des Mannes erinnert („Ich probiere Geschichten an wie Kleider“) und an eine seiner schmerzlichen Erkenntnisse: dass nämlich er, Frisch, egal wie elegant der neue Anzug im Schaufenster auch immer aussah, am Ende genauso verkrumpelt darin gesteckt habe wie immer. Wie Max Frisch eben, mit Beulen und Ausbuchtungen an den falschen Stellen. Als wäre auch der äußere Mensch eine Müllhalde.

          Man fühlt sich wie ein Seminarist im Bordell

          Gerade, als wir uns all diese Schriftsteller in schlabberigen Klamotten vorstellen wollten, weil Fasten ja Gewichtsverlust mit sich bringt, stießen wir im Buchinger-Prospekt auf junge, gepflegte Menschen in flauschigen weißen Bademänteln, und darin erkannten wir die Lösung: Schriftsteller im Bademantel, ihr kritisches Bewusstsein auf Enthaltsamkeitsmodus gestellt, ihr ganzes misstrauisches Selbst mit Tees, Säften, Anwendungen und Massagen traktiert, den rebellischen Geist in Klinikpantoffeln gesteckt. Für Mario Vargas Llosa ist das keine komische Vorstellung. Er ist Genussmensch und Entsagungsmensch, nicht fromm, aber voller Spiritualität, und vor vielen Jahren schrieb er in einem Zeitungsartikel, wie man sich fühlt, wenn man nach drei Wochen Fasten endlich wieder reinhauen darf: „Wie der Seminarist im Bordell“.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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