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Feuilletonglosse : Kleine V-Fabel

  • -Aktualisiert am

Genitivus objectivus - der Schutz vor der Verfassung? So ähnlich mögen sich das auch Chesterton und Conrad gefragt haben. Bild: dapd

V-Männer im Zwielicht? Schon vor hundert Jahren blühte die Krimi-Literatur mit derlei Themen. Bei Chesterton und Joseph Conrad war es freilich nur Fiktion.

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          Der Schauplatz ist London, vor etwas mehr als hundert Jahren. Sieben Männer bilden die Zentrale des europäischen Untergrunds. Ihre Tarnnamen haben sie von den Wochentagen. Ein V-Mann wird eingeschleust, Gabriel Symes, der zu einer Art Verfassungsschutz gehört (nur dass die Briten keine Verfassung haben, aber das tut hier nichts zur Sache). Er übernimmt die Rolle des „Donnerstag“, denn er kann in der entscheidenden Sitzung sein anarchistisches Credo viel überzeugender verkünden als der revolutionäre Romantiker und Schöngeist Lucian Gregory.

          Die Fälschung klingt echter als das Original, vermutlich – aber diesen Gedanken fasst der Autor nicht – weil sie von vornherein auf Hörer-Erwartungen zielt und diese besser erfüllt als ein ungeschicktes subjektives Bekenntnis. Je tiefer Symes in das Netzwerk eindringt, umso klarer erkennt er – die Pointe wird nun dem Leser schon auf der Zunge liegen –, dass fünf weitere Mitglieder der Zentrale V-Leute sind, die sich während der ganzen Zeit gegenseitig beobachteten. Die Anweisungen kamen von „Sonntag“, dem Chef. Man findet in dem Buch viel schöne konspirative Weisheit: „Wenn du dich nicht versteckst, sucht dich auch niemand.“ Gilbert Keith Chestertons „Der Mann, der Donnerstag war“ erschien erstmals 1908.

          Im Jahr zuvor war Joseph Conrads Roman „Der Geheimagent“ herausgekommen. Etwas ernster, etwas härter als Chestertons ins Absurde spielende Burleske. Auch Conrads Hauptfigur Adolf Verloc ist ein Mann der Dienste, auch er infiltriert den anarchistischen Untergrund. Man will mit einem Bombenanschlag das Observatorium von Greenwich zerstören, Verloc bekommt den Auftrag. Hier wird auch wirklich gestorben. Im Hintergrund spielt eine fremde Macht mit, und da ihr Vertreter Wladimir heißt, kann man Russland vermuten. V-Leute allüberall. Aber nein, so schlimm, wie die britischen Romanciers die Durchmischung des Untergrunds mit Agenten schilderten, kann es nicht sein. Das war Fiktion, Literatur, Poesie. Oder? Der Untertitel von Chestertons Roman lautete: „Ein Albtraum“.

          Lorenz Jäger
          Freier Autor im Feuilleton.

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