https://www.faz.net/-gqz-6vkwd

Feuilletonglosse : Hammervorschlag

  • -Aktualisiert am

Dass Kunst nicht von Können, sondern von Müssen stammt, wusste Helmut Kohl auch ohne Stipendium: „Wichtig ist, was hinten raus kommt.“ Bild: dpa

Arbeiter mit Zwirn und des Pinsels, vereinigt euch: Der isländische Künstler Olafur Eliasson bietet Berliner Politikern ein Stipendium an. Wo bleibt das Politik-Stipendium für Künstler?

          Der große Robert Gernhardt regte einmal an, Dichter, die in Fabriken Arbeitern etwas vorlesen, um Proletarier zu ergänzen, die den Schriftstellern etwas vorarbeiten. Stanze um Stanze, Gewindeschneider um Novelle, Vorschlaghammer um Romanfragment. Im Licht dieses kulturpolitischen Hammervorschlags kommt es uns jetzt recht antiquiert vor, wenn der isländische Künstler Olafur Eliasson den Mitgliedern des Berliner Senats und Abgeordnetenhauses ein Stipendium für seine Kurse an der lokalen Kunsthochschule anbietet. Vom Titel des für nur einen einzigen Mandatsträger vorgesehenen Programms, "Politik ist die Kunst des Möglichen - Kunst ist die Politik des Unmöglichen", lassen wir uns nämlich nicht blenden. Er tut nur äquivalent, ist aber tatsächlich Selbstlob der Kunst. Weswegen den politischen Stipendiaten auch kein echtes Stipendium erwartet, sondern nur - doch was heißt hier "nur", sagt die Kunst, wo es um nicht weniger als Unmögliches geht? - die Chance, an den Übungen von Eliasson und den Seinen teilzunehmen, ein Zimmer mit Internetanschluss inklusive. Frank Zappas "Politik ist die Unterhaltungsabteilung der Wirtschaft" war da konkreter.

          Die Bewerbungsunterlagen kündigen an, man wolle kritischen Austausch im gemeinsamen Alltag, Einblicke in politische Institutionen seien sehr erwünscht. Selbst das vermag uns nicht zu täuschen. Die Künstler wollen dem Politiker etwas vordiskursivieren. Dass er ihnen etwas vorentscheidet oder vorintrigiert, ist nicht beabsichtigt. In den Kursen des "Instituts für Raumexperimente" von Eliasson schaut man Lieblingsfilme, liest Lieblingstexte, übt Gehen - "Suche eine Steigung. Sieh abwärts. Stelle Dir vor, das Gefälle ist eine ebene, horizontale Fläche. Laufe hangabwärts als wäre es eine ebene Fläche" -, stellt sich in Frage, tanzt auf der Wiese herum, ist körperbewusst und duldet Ankündigungen wie: "Kritikalität und Wahrnehmung werden den ganzen Kurs untermauern."

          Das ist ja alles ganz nett für Kinder, die es partout bleiben wollen. Aber würden sich die Künstler ihrerseits darauf einlassen, Lieblingsgesetzentwürfe zu studieren, Lieblingslobbyisten anzuhören, Volkstümlichkeit zu üben - "Suche ein Bierzelt. Sieh in den Vordergrund. Stelle Dir vor, das Flache ist tief, rede in die Breite als wäre es eine Höhe" -, sich nicht in Frage zu stellen, in Kommissionen dauerzunicken? Opportunismus und Kontaktfreude würden den ganzen Kurs untermauern. Vermutlich könnten Künstler mehr von Abgeordneten lernen als umgekehrt.

          Topmeldungen

          Istanbul nach den Wahlen : Erdogans Propaganda hat nicht geholfen

          Die Niederlage bei der Wahl in Istanbul ist nicht nur für den Präsidenten ein Schlag, sondern auch für die ihm ergebene Presse. Rund um die Uhr sorgte sie für Aufruhr, jetzt fürchtet sie um ihre Pfründe.
          Sommer am Wannsee in Berlin

          Liveblog : Knackt Deutschland heute den Hitzerekord?

          40-Grad-Marke könnte heute fallen +++ Wie kann ich mich vor der Hitze schützen? +++ Tiere in hessischen Zoos lässt die Wärme bislang kalt +++ Verfolgen Sie alle Hitze-News im F.A.Z.-Liveblog.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.