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Feuilletonglosse : Die entalterte Frau

  • -Aktualisiert am

Der Schwan singt dann am schönsten, wenn er am ältesten ist. Sagten jedenfalls die alten Griechen. Bild: ddp

Dass Alter vor Schönheit gehe, gilt jedenfalls nicht für Hollywood. Vor allem Schauspielerinnen mogeln gerne ihr Alter zurecht. Dabei zählt doch am Ende nur eines: die Kunst.

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          Aus Amerika, woher sonst?, kommt eine so verrückte wie absolut verständliche Nachricht. Eine Schauspielerin (wer sonst?), deren Namen weder bekannt ist noch genannt wird, möchte eine Website verklagen, deren Namen zwar bekannt ist, die hier aber schon aus Gründen der niederen Gerechtigkeit nicht genannt wird.

          Die Website gibt Auskunft über Filme, wer darin mitspielt und woher die Mitspieler kommen, wohin sie möglicherweise gehen und – wie alt sie sind. Die betreffende Schauspielerin, die unbestätigten Gerüchten zufolge vierzig Jahre jung sein soll, also fast noch minderjährig ist, will der Website gerichtlich verbieten, ihr Alter zu nennen. Widrigenfalls eine Million Dollar fällig zu sein hätten. Denn im Schaugewerbe sei Jugend alles, was zähle. Also fühle sie sich bei Altersnennung diskriminiert und in ihrer Karriere gehindert. Die Schauspielerinnengewerkschaft unterstützt dieses Begehren massiv.

          Frau Hoppes kunstvolle Alterung

          Also wird es dazu kommen, dass neunzigjährige, pubertäre Junggreisinnen in Hollywood demnächst völlig undiskriminiert in „Boy Meets Girl. My First Cut“ (zwingende Regie aus dem Jenseits: Robert Altman) den ersten Kuss wagen. Abgesehen davon, dass Lady Bracknell in Oscar Wildes unsterblicher Männerkomödie „Bunbury“ feststellt, dass die fortgeschrittensten Frauen aus der besten Gesellschaft sich schon seit langem entschieden hätten, für immer fünfundvierzig zu sein, was sowohl für jüngere Männer ein immer noch anziehendes, für ältere Männer ein immer noch angenehm anstrengendes Frauenalter ist, erinnern wir uns auch ausgesprochen gerne an die hier selbstverständlich nicht genannte deutsche Filmemacherin und Schriftstellerin, die mit dem Geburtsjahrgang 1953 (oder war das schon 1952?) anfing, dann sich langsam in Richtung 1955 vorarbeitete und jetzt, wie man hört, 1957 anpeilt. Oder an die selbstverständlich auch nicht zu nennende französische Dramatikerin, die mit dem Geburtsjahr 1955 anfing, lange bei 1957 ausharrte, bis sie mutig 1959 ergriff und womöglich demnächst in den sechziger Jahren landet.

          Es kann aber auch anders herum gehen. Die berühmte Schauspielerin Marianne Hoppe, Jahrgang 1911, die also 1991 unter großem Pomp ihren achtzigsten Geburtstag feierte, ließ im Jahre 2000 wissen, sie sei jetzt eigentlich schon neunzig, ihr wahres Geburtsjahr 1910. Man möge sie bitte schnell noch mal feiern. Daran tat sie recht. Auch wenn sie erst 2002 starb. Denn das Rätsel der Hoppe war ja nie ihr Alter. Es war ihre große Kunst. Also könnte, wer groß ist, auf sein Alter pfeifen. Aber wer ist schon so groß?

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