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Feuilletonglosse : Bull ohne Shit

  • -Aktualisiert am

Augenrollen ist erlaubt, nur Festnehmen nicht Bild: Reuters

Zur Hölle mit dem F-Wort: Das Oberste Gericht in London urteilt, Polizisten müssten sich an Beleidigungen gewöhnen. Man darf hoffen, dass das nicht bald auch für andere Vergehen gilt.

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          Denzel Cassius Harvey war nicht bei bester Laune, als er im Osten Londons von der Polizei angehalten und nach Drogen durchsucht wurde. Er gab seinem Unmut mit einer Flut von F-Wörtern Ausdruck. Die Polizei fand keine Drogen, nahm den Jugendlichen jedoch wegen seiner unflätigen Beschimpfungen fest. Im März wurde Harvey wegen Störung der öffentlichen Ordnung verurteilt. Das Gericht verhängte eine Geldstrafe in Höhe von fünfzig Pfund, weil die Schimpfwörter an einem öffentlichen Platz im Beisein von Jugendlichen gerufen worden seien.

          Nun hat das Oberste Gericht den Schuldspruch in der Berufung aufgehoben - und Polizisten, die ihre Autorität in Frage gestellt sehen, und andere Rechtschaffene zu einer Flut von unwiederholbaren Schimpfwörtern veranlasst, privat wohlgemerkt. Der hohe Richter nämlich befand, es sei unvorstellbar zu folgern, dass eine Gruppe von jungen Menschen durch diese gewöhnlichen Schimpfwörter beunruhigt sein könnten. Und die Polizei bekomme derartige schließlich so oft zu hören, dass sie dagegen abgebrüht sein müsse. Damit setzte der Richter jene Passage des Ordnungsgesetzes von 1986 außer Kraft, in der die Verwendung von drohenden, ausfälligen oder beleidigenden Wörtern oder Verhaltensweisen in „Hör- oder Sehweite einer Person, die dadurch belästigt, beängstigt oder gepeinigt“ werden könnte, unter Strafe gestellt wird.

          Seit Harveys Festnahme vor zwei Jahren rät die Polizei ihren Beamten denn auch, niemanden mehr wegen verbaler Beleidigungen festzunehmen. Ein ähnlicher Wandel ist auch in Deutschland eingetreten, wo das Amtsgericht Bonn 1965 noch die Bezeichnung „Bulle“ mit einer Geldstrafe ahndete, während das Amtsgericht Regensburg vierzig Jahre später befand, dass die Bezeichnung keine Beleidigung mehr darstelle. In England haben sich Polizisten längst daran gewöhnen müssen, dass sie nicht mehr als der freundliche Bobby von einst gelten und im öffentlichen Ansehen gesunken sind, wohl nicht zuletzt, weil der Wachtmeister, anders als früher, als Vollstreckungsmacht der Regierung wahrgenommen wird statt als unabhängiger Freund und Helfer.

          Mit dem veränderten Bild des Polizisten geht auch eine laxere Sprache einher. Wie die Dramen von Harold Pinter bezeugen, hat das F-Wort in der Tat nicht nur im jugendlichen Straßenslang den Rang eines in jeden Satz mehrfach gestreuten Präfixes bekommen. Was wäre jedoch, wenn man das Abhärtungsargument des Richters auch auf andere Verstöße übertragen würde, mit denen die Polizei täglich zu tun hat?

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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