https://www.faz.net/-gqz-6wzbz

Feuilleton-Glosse : Zwei Perspektiven

  • -Aktualisiert am

Siebzig Jahre Wannseekonferenz: Auch über Yossi Peled fällten die Nazis das Todesurteil. Jetzt erinnerte Israels Staatsminister an die millionenfache Ermordung der Juden.

          Nie mehr wird die Berliner Villa am stillen Wannsee den Fluch, den Stempel der Schande los, den ihr nationalsozialistische Mörderbürokraten aufdrückten, als sie die „Endlösung“ der Judenfrage vor siebzig Jahren hier berieten. Das Menschheitsverbrechen, die Ermordung der europäischen Juden, hatte da längst begonnen. In Polen, in Weißrussland, dem Baltikum und der Ukraine. Am Wannsee ging es nur noch „um perfekt organisierte Verwaltungsakte deutscher Behörden“, wie Bundespräsident Wulff gestern in seiner kurzen Gedenkrede am Ort der Wannseekonferenz sagte. Er nahm, wie alle Redner dieses Vormittags, das Bild der trügerischen Idylle auf und erinnerte an den berühmten Film „Menschen am Sonntag“, der 1928 ganz in der Nähe entstanden war. Das Skript dazu hatte Billy Wilder geschrieben, der damals noch Billie Wilder hieß und in Berlin-Schöneberg lebte, bis ihn der Rassenwahn der Nationalsozialisten ins Exil trieb.

          Erinnerung als nationale Aufgabe

          Die Wannseekonferenz als Bruchstelle der Zivilisation, die nie vergessen wird, und die Erinnerung daran als „nationale Aufgabe“ waren nicht nur für die Rede des Bundespräsidenten das Leitmotiv. Ihm dankte und antwortete der israelische Staatsminister Yossi Peled. Er sei in Belgien geboren worden, als Jefke Mendelevich, und auch darum bleibe diese Wannseevilla, sagte Peled, noch auf eine andere, Juden wie ihm vorbehaltene Weise einer der „schrecklichsten Orte“ der Erinnerung überhaupt. Hier sei endgültig das Todesurteil über „Millionen Menschen wie mich“ gefällt worden, sagte er. Überlebt habe er nur, weil ihn seine Eltern als Kind in die Obhut einer christlichen Familie geben konnten, so sei er mit dem Kreuz und christlichen Liedern aufgewachsen, um nicht „in der Schlange an der Rampe, die immer kürzer wurde, stehen zu müssen“. Er schaue hinaus auf das friedliche Wasser des Wannsees und müsse an seinen Vater denken, den er nie kennengelernt habe, und an seine Mutter, die Auschwitz überlebte und doch - unnahbar für ihn - gefangen blieb in ihren entsetzlichen Erinnerungen, bis zu ihrem Tod.

          Yossi Peled ging nach Israel, den Staat, betont er, dem er viel verdanke und dessen Wegmarkierung der Holocaust bleiben werde, weil „wir immer noch in dessen Schatten leben“. Auch darum bedeute ihm seine Personalnummer in der israelischen Armee, die er vor Jahrzehnten erhielt, so viel. Diese Nummer und die Waffe in der Hand seien ein Befreiungsakt gewesen, um sich selbst und das Leben der Seinen verteidigen zu können, eine nationale Antwort auf die KZ-Nummern, die Menschen wie seine Eltern auslöschten.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Johnson in Paris : Der eiserne Herr Macron

          Beim Besuch von Boris Johnson betont Präsident Macron die Einigkeit Europas – und bekennt sich zu seinem Ruf, in der Brexit-Frage ein Hardliner zu sein. Zugeständnisse will er gegenüber dem Gast aus London nicht machen – erst recht nicht beim Backstop.

          FAZ.NET-Serie Schneller schlau : Kind oder Porsche

          Die Frauen in Deutschland bekommen ihr erstes Kind deutlich später, im Durchschnitt sind sie mittlerweile älter als dreißig Jahre. Wie aber hängt die Kinderzahl mit dem Bildungsgrad zusammen? Und was kostet ein Kind eigentlich, bis es erwachsen ist?
          Alaa S. am Donnerstag vor Gericht in Dresden

          Messerattacke auf Daniel H. : Lange Haftstrafe im Chemnitz-Prozess

          Im Prozess um den gewaltsamen Tod des 35-jährigen Daniel H. hat das Landgericht Chemnitz den Angeklagten Alaa S. zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Prozess fand aus Sicherheitsgründen in Dresden statt.

          Disney-Schauspieler in Kritik : Echte Menschen sind anstrengend

          Walt Disney macht aus Zeichentrick-Klassikern erfolgreich Realfilme. Mit der Auswahl der Schauspieler geben sich manche Zuschauer nie zufrieden. Aber wie sollen Menschen denn je einer Zeichentrickfigur entsprechen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.