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Feuilleton-Glosse : Zurück auf Los

Verwirrung beim Fundraising Dinner: Wer durfte sich glücklich schätzen, in die Bilderreihe „Familienporträt“ von Thomas Struth aufgenommen zu werden? Eine Szene aus NRW.

          Also, das wär’ doch was, endlich Geschichte, ja, sogar Kunstgeschichte zu schreiben, und das gleich mit dem ganzen Clan, den betagten Eltern, der besseren Hälfte und den lieben Kleinen. Drei Generationen würden aufgenommen in die Bilderreihe „Familienporträt“ von Thomas Struth, dem Star der Düsseldorfer Schule, und womöglich schon bald im New Yorker MoMA hängen oder auch nur im Kunstmuseum einer deutschen Großstadt. Was für eine Gelegenheit, die nie mehr wiederkommen dürfte!

          Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf hatte zu einem, so verhieß es die Einladung, „in der Museumsszene des Landes bisher einmaligen Fundraising Dinner“ geladen; für den exklusiven Preis von tausend Euro war, wer es sich leisten konnte, dabei und nahm nicht nur am „kulturellen und kulinarischen Genuss“ teil, sondern auch an der „ungewöhnlichen Verlosung“.

          Die Speisen waren vom Feinsten, der Schampus perlte, 470.000 Euro erbrachte, unter dem versierten Hammer eines Christie’s-Auktionators, die Versteigerung von zwanzig Werken, die namhafte Künstler gespendet hatten. Der Abend steuerte seinem Höhepunkt entgegen, gerade mal eins zu 202, denn so wenige nur hatten eine Eintrittskarte erworben, stand die Chance auf das Thomas-Struth-Bild.

          Die Spannung wuchs, doch plötzlich war die Luft raus. Denn der Vorsitzende des Freundeskreises trat ans Mikrofon und schlug vor, die Foto-Session mit Struth nicht zu verlosen, sondern, um den Spendenertrag des Abends weiter zu steigern, in die Auktion zu geben. Wer damit nicht einverstanden sei, möge sich melden. Die Akklamation soll nicht eben stürmisch gewesen, die Überrumpelung aufgegangen sein, schnell schoss der Preis auf 65.000 Euro.

          Und wer bot am meisten? Die Gattin des Vorsitzenden des Freundeskreises. Die Museumsdirektorin Marion Ackermann und ihr Geschäftsführern sollen nicht schlecht gestaunt haben, doch niemand auf der festlich gedeckten Piazza des ehemaligen Ständehauses traute sich, Einspruch zu erheben. Mehr als eine Woche wurde im Verborgenen gegrummelt und gegrollt, dann machte die „Rheinische Post“ den Düsseldorfer Versuch, New York zu spielen, publik.

          Woraufhin der Vorsitzende sich meldete und großzügig erklärte, den Porträtauftrag an die Kunstsammlung zurückzugeben und die „eingesetzte Summe“ zu spenden. Die Verlosung wurde noch gestern unter notarieller Aufsicht nachgeholt. Der glückliche Gewinner ist um einen Auftritt mit Siegerpose gebracht, seinem Eingang in die Kunstgeschichte aber steht nichts mehr im Wege.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

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