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Feuilleton-Glosse : Was fehlt

  • -Aktualisiert am

Die Medienwelt schreit auf: Die Ehefrau eines etwas kuriosen ehemaligen Bellevue-Besetzers aus Niedersachsen hat ein Buch geschrieben. Jetzt fehlt nur noch das passende Theaterstück.

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          Seltsam, seltsam. Da gibt es jetzt ein Buch. Auf dessen Titeldeckel ist eine junge Dutzend-Frau zu sehen, wie aus dem Katalog der gängigen Moden und Physiognomien herauswindgeschnitten. Glattes Gesicht, die blonden Haare nach hinten gekämmt, die Augen versehen mit dem leicht hinterhältig-rehbraunen Berechnungsblickfeuer, das ständig „Ich kann auch noch ganz anders!“ zu strohfunkeln scheint. Unterm extra hoch geschnittenen Schwarzblusensatinärmel ein Tattoo auf der rechten Schulter. Das Buch müsste irgendwie „Lieschen Moden-Müller“ heißen. Heißt aber anders. Was wurscht ist. Es soll sich dabei aber um die Ehefrau eines etwas kuriosen Niedersachsen handeln, der es geschafft hatte, ein paar Wochen kostenlos im Schloss Bellevue in Berlin zu logieren.

          Die Medienwelt scheint darüber ziemlich verrückt geworden zu sein. Denn alle (bitte, wir ja hiermit auch!) stürzen sich nicht auf den anscheinend in den Vergessensschlaf gefallenen Berliner Hausbesetzer aus Niedersachsen, sondern wecken dessen Gefährtin aus dem Lieschen-Moden-Müller-Modus. Und schrillklingeln sie in den Promi-Modus hinein. Die geschätzten Kollegen von der „Süddeutschen Zeitung“ widmen dem Lieschen ihre ganze schönste Seite (die berühmte Seite 3) und garnieren gar Leitartikel mit ihr; die Kollegen vom „Stern“ räumen ihr gleich eine ganze Hochglanzstrecke übers halbe Blatt hinweg frei. Lieschen Moden-Müller wird bei Beckmann, bei Maischberger, ganz sicher auch bei Jauch die Fernsehschwatzkanäle anschwellen lassen. Alice Schwarzer wird sie unter ihre zähnefletschenden Frau-bleibt-Frau-Laberfittiche nehmen. Es läuft wunderbar für die Ex-Bellevue-WG-Bewohnerin.

          Wie man hört, soll sie demnächst korrespondierendes Mitglied der Akademie der Dünste werden. Fehlt eigentlich nur noch: die Theaterfassung des Buches. René Pollesch könnte daraus eine seiner durchgeknallten Diskurs-Scharteken machen mit einem noch durchgeknallteren Titel („Schmockina mon amour oder Die Medien gehören mit zum Geschäft“). Frank Castorf könnte (mit Sophie Rois in der ganzkörpertätowierten Hauptrolle) in der Berliner Volksbühne acht Stunden lang „Lieschens Extreme oder Das Kapital bin ich“ ausloten. Oder Oliver Reese, der Frankfurter Kühle, könnte sich unter Ausnutzung des herben Schmerzensblicks der Schauspielerin Bettina Hoppe zu einem „Bettina-Protokoll“ durchringen. Wobei dann Bettinas Rolle und Lieschens Leben eins wären. Wir aber wünschen bis dahin: Toi, toi, toi.

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