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Feuilleton-Glosse : Sterbenskomisch

  • -Aktualisiert am

Der Schweizer Sterbehilfe-Verein Dignitas hat gegen die deutsche Ausgabe von Michel Houellebecqs neuem Roman eine einstweilige Verfügung beantragt. Das Landgericht Köln hat den Antrag abgelehnt. Dignitas will nachlegen.

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          In diesen Tagen erscheint der neue Roman von Michel Houellebecq auf Deutsch. In Frankreich kam er auf eine Auflage von einer knappen Million, er wird in mehr als dreißig Sprachen übersetzt und wurde mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet. Bei uns erscheint „Karte und Gebiet“ bei DuMont (siehe „Bilder und Zeiten“). Gestern jedoch musste der Kölner Verlag fürchten, das Werk gar nicht ausliefern zu können. Der Schweizer Verein Dignitas hatte eine einstweilige Verfügung beantragt: Sieben Textstellen sollen nach dem Willen des Gründers Ludwig A. Minelli geschwärzt werden.

          Denn in dem für Houellebecqs Verhältnisse eher sanften Roman findet der Autor für den sogenannten Schweizer Sterbetourismus deutliche Worte. Der Protagonist Jed Martin kommt in ein Haus von Dignitas, wo er seinen aus Paris verschwundenen Vater vermutet. „Der Verein Dignitas brüstete sich damit, in Stoßzeiten die Nachfrage von Hunderten Kunden pro Tag zu befriedigen“, sinniert der Sohn, der kurz darauf in den „Wartesaal“ mit cremefarbenen Wänden, glanzlosen Plastikmöbeln und trauriger Musik gerät. Als Martin endlich eine Dignitas-Dame zu fassen kriegt, drückt sie dem Franzosen nur widerwillig ein auf Deutsch beschriebenes Papier in die Hand, das er nicht versteht. Dann wird ihm mitgeteilt, dass sein Vater verbrannt und die Asche in der Natur verstreut worden sei. Kurzerhand streckt der Sohn die Frau mit einer Serie schneller Hiebe zu Boden.

          Zwei Särge, höchstens

          Das Kölner Gericht hatte gestern nicht nur ernsthaft zu prüfen, ob der Autor behaupten darf, Dignitas bedrohe mit der verstreuten Asche die Saiblinge im Zürichsee, und ob es stimmen kann, dass drei Särge gleichzeitig das Haus verlassen können - „höchstens zwei“ behauptet Dignitas. Das Gericht muss vor allem anhand solcher Details eine grundsätzliche Frage klären, wie sie auch im Fall des „Esra“-Romans diskutiert worden ist: Wie viel Distanz zur Realität muss die Kunst halten, um Persönlichkeitsrechte nicht zu verletzen?

          Das Landgericht Köln hat am heutigen Freitag den Antrag von Dignitas abgelehnt. Dringlichkeit sei nicht gegeben, hieß es, da der Verein schon seit Monaten um das Erscheinen des Romans wisse. Dignitas kündigte an, weiter zu klagen, notfalls vor dem Europäischen Gerichtshof in Straßburg. Dort, in Frankreich, wird man die deutsche Debatte mit Amüsement verfolgen: Da schreibt ihr Skandalautor erstmals einen zivilen Roman, und prompt landet er jenseits des Rheins vor Gericht.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

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