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Feuilleton-Glosse : Schlag-Zeilen

  • -Aktualisiert am

Je primitiver ein Wortspiel, desto größer seine Wirkung. Diese Tatsache hat die französische Tageszeitung „Libération“ beherzigt und Bernard Arnault aufs Korn genommen.

          Es war ein Wortspiel der primitiveren Art. Aber eben auch genial. Jeder hat die Anspielung verstanden. Perfekt fasste die Schlagzeile den Kontext zusammen und traf die Stimmung im Lande: „Casse-toi, riche con!“ Darf man das? Einen „pauvre con“ (armen Deppen) hatte Sarkozy einmal zum Abhauen ermahnt. Im Wahlkampf wurde die Beschimpfung umfunktioniert und zum ergiebigsten Slogan gegen den Präsidenten. „Libération“ schaltete von arm (pauvre) auf reich und münzte die Schlagzeilen auf den allerreichsten Franzosen, der mit einem Koffer auf die Frontseite kam. Am Wochenende hatte Bernard Arnault, Eigentümer des Luxuskonzerns LVMH, seinen Umzug nach Brüssel bekanntgegeben. Die Meldung kollidierte mit dem Fernsehinterview, in dem Hollande seine Steuerpläne bestätigte. Um 22 Uhr kam die Zeitung ins Netz und ihr Name wurde auf Twitter umgehend zum meistverwendeten Begriff.

          Den ganzen Tag über gingen die Wogen hoch und höher. Die „pauvre France“ wurde beklagt, in der nichts und niemand respektiert werde. Man erbaute sich voller Freude und Schadenfreude an der klassenkämpferischen Rhetorik und schlagenden Poesie. Die Frontseite von „Libération“ wird genauso in die Pressegeschichte eingehen wie jene nach dem Sieg Pol Pots und seiner Roten Khmer, als das damals noch maoistische Blatt „Die „Flaggen der Freiheit über Phnom Penh“ hisste. Noch immer geht es um Ideologie, Scheinheiligkeit und Landesverrat: Arnault will gar nicht Steuern sparen, sondern Belgier werden. Nach Mitterrands Wahlsieg 1981 war er in die Vereinigten Staaten gezogen. Drei Jahre später kam er zurück. Gegen „Libération“ hat er eine Klage wegen öffentlicher Beschimpfung angekündigt. Strafrechtler bezweifeln, dass er damit durchkommt.

          Der Begriff des „con“, der auch das weibliche Geschlecht bezeichnet, ist literarisch veredelt, nicht nur dank Aragon und Georges Brassens. Das zählt im reichen Frankreich mehr als viel Geld. Auch vor Gericht. Am Abend eines denkwürdigen Tages ging sogar der schweigsame Edmond de Rothschild, Hauptaktionär von „Libération“, ins Fernsehen und lobte seine Redaktion. Sie hat in einem „making of“ genau beschrieben, wie es zur Titelseite kam und wie diese wann, wo und von wem kommentiert wurde – ohne die heftige Kritik im eigenen Haus auszuklammern. Die Masche mit berühmten Sarko-Zitaten wird weiter gestrickt. Die Schlagzeile gestern lautete: „Wenn du zurückkommst, Bernard, nehmen auch wir alles zurück.“ Sie wiederum ist eine Anspielung auf ein SMS, mit dem Sarkozy einst seine Frau Cécilia zur Rückkehr bewegen wollte. Vergeblich.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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