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Große Koalition und Revolution : Umstürzend

  • -Aktualisiert am

Demonstration in Tunesien zum Jahrestag der friedlichen Revolution i Bild: dpa

Deutschland hat wieder eine Regierung. Doch die Beschwerden werden nicht weniger. Was Unzufriedene zum Aufstand treibt, kann man aber besser im Ausland untersuchen.

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          Endlich, seufzt das Land erleichtert, haben wir wieder eine Regierung und endlich sogar die gleiche wie vorher. Ein guter Augenblick für die Frage: Wie kommt es eigentlich zu einer politischen Revolution? Der Potsdamer Risikoforscher Ortwin Renn war gerade auf dem Weg, es herauszufinden. In einem Gespräch mit der „Frankfurter Rundschau“ hat er die Ergebnisse seiner Forschungen jetzt angedeutet.

          Sie beginnen schlicht: keine Unzufriedenheit, kein Umsturz. Daraus folgt allerdings nicht schon, dass allein aufgrund großer Unzufriedenheit etwas passiert. Denn unzufrieden sind ja immer viele. Auch wer selbst nicht nach dem Motto „Whatever it is, I’m against it“ (Quincy Adams Wagstaff) lebt, kommt schwer um die Einsicht herum, dass die Menschheit Beschwerden mehr als Revolutionen liebt. Hierzulande ist das Unzufriedensein sogar völlig unabhängig von Frieden, Wohlstand und der wachsenden Zahl der Stadtteilfeste.

          Alle Unzufriedenen verhaften?

          Für Umstürze müssen sich, so Renn, die Unzufriedenen schon organisieren. Aha! Twittern allein, Kollegen, reicht nicht. Zu einer richtigen Revolution braucht es auch kampfbereites Gesindel, Drecksarbeiter, Leute, die nicht nur Smartphones, sondern auch Waffen einsetzen, etwas riskieren. Eine Zahl nun hat den Forscher bei seinen Studien zum sogenannten arabischen Frühling besonders beeindruckt: die Zahl der politischen Verhaftungen dividiert durch die Zahl der Protestierenden. Erst nämlich wenn die Unzufriedenheit zunehme, aber die Verhaftung von organisierten Protestlern damit nicht proportional Schritt halte, zerfalle ein politisches System. Die Risiken einer Teilnahme am offenen Protest dürfen mithin nicht fallen, sonst melden sich immer mehr Unzufriedene, und es wird sichtbar, wie groß der Dissens wirklich ist. Am besten also gleich alle Unzufriedenen verhaften?

          Der Vorschlag wirkt so komplex wie die Theorie, auf der er beruht. Renn hat seine Studie für die OECD durchgeführt und in einer ihrer Schriftenreihen publiziert. Sofort seien Anfragen aus China und Nordkorea gekommen. Deswegen habe er seine Untersuchungen eingestellt. Herauszufinden, wie man eine Tyrannei aufrechterhalte, sei kein Forschungsziel für ihn. Aber ist nicht die Einsicht in die Funktionbedingungen einer Maschine, um die es sich bei einem politischen System für Renn ja offenkundig handelt, zugleich auch die Einsicht in deren Kaputtbarkeit?

          Wenn man weiß, wie etwas ins Gleichgewicht kommt, weiß man doch auch, wodurch es aus ihm gerät. Und hätte denn ein Zwang bestanden, die Theorie des optimalen Umsturzpunktes gleich in Nordkorea vorzutragen? Wir möchten Professor Renn darum freundlich auffordern, seine Forschungen, wie man am besten das Ungute umstürzt, fortzusetzen und seine Ergebnisse nach eingehender Prüfung den Gegnern der Tyrannen aller Länder kostengünstig zur Verfügung zu stellen.

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