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Feuilleton-Glosse : Deutsche Seiten

  • -Aktualisiert am

Das mit amtlichen Anzeigen finanzierte „Tagblatt der Stadt Zürich“ erhält eine „deutsche Seite“. Etwa 300.000 Deutsche leben heute in der Schweiz. Sie scheinen eines publizistischen Forums zu bedürfen. Denn die Einheimischen lieben antideutsche Aversionen.

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          Die „Seite für die Frau“ war einst ein fester Bestandteil der Qualitätszeitungen. Es gab auch eine Jugendseite. Und als die Italiener kamen, führte das „Tagblatt der Stadt Zürich“ eine „Pagina italiana“ ein. Jetzt sind die Deutschen dran. Vom kommenden Donnerstag an widmet ihnen das „Tagblatt“, das inzwischen nur noch einmal pro Woche erscheint, eine „deutsche Seite“.

          Das zeigt, wie es um ihre Emanzipation und Integration bestellt ist. Sie will der Chefredakteur Markus Hegglin erklärtermaßen fördern und verbessern und dabei „nicht nur bierernst daherkommen, sondern auch lustvoll Vorurteile demontieren“. Vor den hartnäckigen Klischees hat gerade der Schweizer Botschafter in Berlin gewarnt, Tim Guldimann. Er fürchtet ein Aufflammen der „antideutschen Aversionen“.

          Der Diplomat ermahnt seine Landsleute, den Deutschen für ihren Beitrag zu Frieden und Wohlstand seit 1945 ein bisschen Dankbarkeit entgegenzubringen: „Die Rechnung bezahlte vor allem Bonn und dann Berlin“. Guldimanns Vortrag hat ein starkes Echo ausgelöst. „Die Zeit“, die in der Schweiz eine helvetische Beilage vertreibt, hat ihn nachgedruckt. „Ich bekomme Leserbriefe von Deutschen, die wieder gehen, weil sie das Klima hier nicht aushalten“, sagt deren Redakteur Peer Teuwsen. Immerhin leben noch etwa 300.000 Deutsche in der Schweiz.

          Vor dem Ersten Weltkrieg – bei einer halb so großen Gesamtbevölkerung – waren es auch schon mal 220.000. Ohne dass viel Deutschfeindlichkeit überliefert wäre. Die neue Zuwanderung aus dem Norden ist längst sehr viel intensiver als jene aus Italien, an der sich einst die Fremdenfeindlichkeit in der Politik entzündet hatte. Und vielleicht kann das „Tagblatt“ ja mit seiner „deutschen Seite“ wirklich den einen oder anderen von der Flucht zurück in die Heimat abhalten. Hegglin arbeitet mit dem Deutschen Klub zusammen. Er will „gesellschaftlich relevante Themen, die Deutsche in Zürich beschäftigen“, aufgreifen.

          Und er will „Deutsche für Deutsche schreiben“ lassen. Bleibt zu hoffen, dass die „Plattform“ (Hegglin) des „Tagblatt“ nicht zum Ghetto wird. Und dass Schweizer Leser etwas mehr als nur „Einblicke in die Befindlichkeit der hier in Zürich lebenden 30.000 Deutschen bekommen“. Aus rein sprachlichen Gründen, weil man die publizistische Verantwortung nicht übernehmen kann, verzichtet die mit amtlichen Anzeigen finanzierte Gratiszeitung auf Seiten für Kroaten und Türken. Aber auch redaktionell garantieren die Deutschen doch für mehr Konfliktstoff.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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