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Festschrift für Mauser : Ehrenrettung?

Die Ehrung Siegfried Mausers (rechts) durch den bayerischen Staat in Form des Maximiliansordens wurde bislang nicht zurückgenommen Bild: dpa

Ist es angemessen, dass der wegen sexueller Nötigung verurteilte frühere Hochschulrektor Siegfried Mauser durch eine Festschrift geehrt wird? Peter Sloterdijk findet es zeitgemäß.

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          Damit wir das umfangreiche, soeben vom Verlag Königshausen & Neumann ausgelieferte Werk mit dem Titel „Musik verstehen – Musik interpretieren“ richtig verstehen, findet sich auf der letzten Seite des letzten Aufsatzes ein Hinweis für „die Herren von der Presse“. Dass die Damen nicht ausdrücklich belehrt werden, muss man wohl als Ausdruck der Galanterie Peter Sloterdijks interpretieren. Wie der Philosoph unter der Überschrift „Metierwahrheit“ darlegt, besteht die Wahrheit der zeitgenössischen Kunst darin, zu zeigen, was es heißt, in der „Synchronwelt“ der Gegenwart zu leben, in der die Dinge sich nicht mehr nacheinander ereignen, sondern nebeneinander bestehen. Wir sollten die Festschrift für Siegfried Mauser selbst als ein solches Kunstwerk verstehen: Wenn „unsere Weltgestalt sich aus der Ordnung des Nacheinander, das heißt aus der eigentlichen Geschichtlichkeit herausgedreht hat“, dann ist es ohne Belang, dass das Gemeinschaftswerk der Freunde Mausers unmittelbar nach dem Rechtskräftigwerden von dessen zweiter Verurteilung wegen sexueller Nötigung gedruckt worden ist.

          Die „gleichzeitigmacherische Tendenz“ unserer Zeit bewahrheitet sich jetzt auch in der Rezeption des Buches. Wir erleben das Kunststück, dass ein und derselbe Autor gleichzeitig mit einem Beitrag in der Festschrift vertreten ist und ihre Publikation missbilligt. Der Komponist Peter Michael Hamel hat Mauser zu Ehren das Autograph seiner Vertonung dreier Gedichte von Dagmar Nick faksimilieren lassen und als Direktor der Musikabteilung der Bayerischen Akademie der Schönen Künste die Erklärung unterzeichnet, wonach die Akademie „jede öffentliche Ehrung ihres ehemaligen Mitglieds Siegfried Mauser für unangemessen“ hält und es begrüßt hätte, „wenn nach der rechtskräftigen Verurteilung die Festschrift zumindest seitens der Herausgeberschaft in Frage gestellt worden wäre“.

          Im Vorwort rechtfertigen die Herausgeber ihr Unternehmen damit, dass sie einen vielfach öffentlich Geehrten ehren. „Für sein Werk und Wirken hat er verdientermaßen die höchsten Ehrungen erhalten – wie das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst (2009), das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland (2010) und den Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst (2012).“ Die Statuten aller drei Auszeichnungen sehen allerdings die Möglichkeit des Entzugs bei unwürdigem Verhalten vor, beim Bundesverdienstkreuz bei einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr wegen eines Verbrechens. Mit der Rettung von Mausers Orden in die Zukunft erweisen sich die Herausgeber als Adepten der „posthistorischen Alchemie“, mit der sich laut Sloterdijk die Kunst aus ihrer Verantwortung herausdreht.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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