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Festakt im Bundestag : Kluger Kermani

  • -Aktualisiert am

Zum 65. Jubiläum des Grundgesetzes weckte der iranisch-deutsche Schriftsteller mit einer bewegenden Rede im Bundestag alle Europaverdrossenen auf.

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          Im Supermarkt gibt es Fußballbildchen zum Sammeln und Grillgut, aber leider regnet es. Irgendwo ist Krise und Krieg, irgendjemand arbeitet dran, man will es gar nicht so genau wissen. Stattdessen reden alle von der Rente. Angela Merkel ist und bleibt Bundeskanzlerin. So ist es jetzt immer. In der Mitte der letzten Dekade hat unsere Republik ihre Reiseflughöhe erreicht, Turbulenzen sind selten, und der Blick aus dem Fenster offenbart nur eine hellgraue Wolkendecke.

          Seichte Europa-Stimmung

          Ein Ziel wurde nicht durchgesagt, die Gleichförmigkeit der Bewegung, der Genuss des Augenblicks scheint zur deutschen Staatsräson geworden zu sein, als hätte der Boom der asiatischen Philosophie, der uns die billigen Buddhafiguren in den Baumärkten beschert, seine Wirkung bis in die höchsten Kreise der Macht entfaltet.

          Die ewige deutsche Sonntagnachmittagsstimmung bekommt allmählich etwas Bedrückendes. Nicht mal Wahlkämpfe vermögen frischen Wind in die öffentlichen Debatten zu bringen, weil in ihnen die brisanten Themen nicht formuliert und die tatsächlichen Machtkämpfe nicht ausgefochten werden. Der Europawahlkampf wurde den Wählern präsentiert wie ein Gemüsebrei, den man um der guten Gesundheit willen ganz auszulöffeln habe, leider.

          Feinsinnige Analyse

          Ein einziges Mal immerhin wurde dieses trübsinnig machende Double Bind, zu dem unser öffentlicher Diskurs verkommen ist, unterbrochen. Navid Kermani erinnerte während des Festakts zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes daran, wozu man Intellektuelle braucht: um Reden zu halten, in denen etwas gesagt wird.

          Da war nicht nur seine feinsinnige und kluge Analyse der Sprache des Grundgesetzes, die er in ihrer Wirkmächtigkeit mit jener der Lutherbibel verglich. Da war vor allem der Gedanke, dass die historischen Fortschritte der Nachkriegszeit nicht möglich gewesen wären, hätten die damaligen Politiker so manisch auf die Umfragen geschaut wie das heute der Fall ist.

          Kermanis Weckruf

          Kermani setzte, was Klugheit, Mut und Herzensbildung angeht, Maßstäbe für Reden im Bundestag. Ein virtuoser Redner wie Peer Steinbrück hatte danach Tränen in den Augen. Höhepunkt der Rede aber war seine Feststellung, dass wir als Deutsche und Europäer auf der Höhe unserer Möglichkeiten und im Einklang mit unseren Werten sind, wenn wir offen sind für das Leid der Anderen, wenn wir Hilfe leisten, Schutz gewähren und Selbstkritik üben. Nicht, wenn wir, weil uns nichts einfällt und uns die Rechten einschüchtern, Wahlkämpfe zu Lasten Dritter, etwa der Rumänen, veranstalten, die Menschen gegeneinander aufhetzen und uns verzagt der Angst hingeben.

          Der Stolz Kermanis auf dieses Land gilt dem Wagemut, mit dem die Republik – europabegeistert, bescheiden und skrupulös – einst gestartet ist. Heute dominiert eher die Sorge, beim Dösen gestört zu werden. Zum Glück gab es diese Rede.

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