https://www.faz.net/-gqz-6vox3

Fernster Osten : Russlands Traum von Asien

  • -Aktualisiert am

Mit offenem Blick in die Ferne: Das neue Wladiwostok macht den zaristischen Handels- und Flottenstützpunkt vergessen Bild: REUTERS

Der letzte Außenposten Europas heißt Wladiwostok. In der fernöstlichen Hafenstadt mischen sich die Kulturen, und von nicht zu unterschätzender Bedeutung waren dabei deutsche Einflüsse.

          6 Min.

          Die Grenze zwischen Europa und Asien verläuft nicht im Ural, sondern in der Pazifikhafenstadt Wladiwostok: dort, wo die Geleise der Transsibirischen Eisenbahn, die russische Geographie und Sprache enden. Russlands zwischen China, Korea und Japan gelegener Militär- und Handelsknotenpunkt, dessen Name als „Beherrsche den Osten“ übersetzbar ist, führe vor, wie schamlos weit Europa nach Asien vorgestoßen sei, sagt der Wladiwostoker Publizist und Lokalpatriot Wassili Awtschenko.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Russe ist ein begeisterter Nachbar ostasiatischer Kulturen, versteht sich gleichwohl aber empathisch als Europäer. Über die Hauptstraße Swetlanskaja, deren elegante Palais um die vorige Jahrhundertwende von französischen, englischen und insbesondere deutschen Geschäftsleuten errichtet wurden, wölbt sich halbfertig eine elegante neue Hängebrücke zur anderen Seite der „Goldenes Horn“ genannten Bucht. Die grandiosen Bau- und Verschönerungsarbeiten, die Wladiwostok derzeit in eine Großbaustelle verwandeln, vergegenwärtige zugleich die jetzt von Asien nach Europa ziehende Gegenströmung, sagt Awtschenko. Wladiwostok wird für das pazifisch-asiatische Wirtschaftsforum im kommenden Jahr vorzeigbar gemacht, Russland will die asiatischen Tigerländer hier auf einem supermodernen Universitätscampus empfangen.

          Karosserie und Motor werden als „Schrott“ separat eingeführt

          Die russische Neugier auf Asien äußert sich in dieser Region in Sentimentalität für japanische und koreanische Süßigkeiten und einer tiefen Leidenschaft für japanische Autos. Gebrauchtwagen mit dem Lenkrad auf der rechten Seite dominieren trotz europäischem Rechtsverkehr nicht nur das Straßenbild, sondern auch das Lebensgefühl in „Wlad“, wie die Hiesigen ihre Stadt nennen. Wassili Awtschenko hat über die zärtlich auf „Japanerinnen“ getauften Gebrauchtwagen seinen Dokumentarroman „Rechtes Steuer“ (Prawyj rul’) geschrieben, der eigentlich eine Liebesgeschichte ist. Den Russen, deren heimatliche Autoindustrie ihre besseren Modelle vor allem für den Export fertigt, versetzen die anspruchsvoll ausgestatteten Fahrzeuge, die Japan seinem Binnenmarkt vorbehält, einen Kulturschock: „Deine Schwestern aus Übersee frappierten unsere Leute durch Perfektion und Zuverlässigkeit von Fahrgestell und einem Motor, an dem nichts nachgezogen werden musste, durch Servolenkung, Klimaanlage, Automatik, Fensterheber, Zentralverriegelung, verstellbare Federung noch bei den einfachsten Typen“, heißt es in Awtschenkos Hohelied, das an das vierte Auto des Autors, einen Toyota Camry Gracia, gerichtet ist. „Und zugleich schluckten sie mit Begeisterung übelsten vaterländischen Schiffsdiesel.“

          Mit dem Kauf einer solchen anspruchslosen Japanerin erwarben sich Wladiwostoker, die manchmal weder Arbeit noch Wohnung hatten, Unterschlupf, Verdienstmöglichkeiten und Freiheit zugleich. Auf diese Weise war „Wladik“ - auch so heißt die Stadt bisweilen - vor drei Jahren mit 56 Autos auf hundert Einwohner hinsichtlich der Motorisierung das fortgeschrittenste Gemeinwesen in Russland, weit vor Moskau mit nur 34. Doch 2009 wurden die russischen Importzölle auf Gebrauchtwagen drastisch erhöht und die Methode, gebührensparend Karosserie und Motor als „Schrott“ deklariert separat einzuführen - so war auch Awtschenkos Gracia ins Land gekommen -, verboten.

          Seither werden Japanerinnen oft vor der Grenze zersägt und später wieder zusammengelötet. Awtschenko stieg um auf einen Nissan X-Trail, den er offiziell für achttausend Dollar erstand, plus ebenso viel Zoll. Dieser Jeep sei ein männliches Auto, ihm viel zu plump und wuchtig, sagt der Schriftsteller fast entschuldigend, doch selbstverständlich habe er das Lenkrad rechts.

          Seit zwanzig Jahren wieder Gotteshaus

          Die in die Bucht vorm Goldenen Horn einfahrenden Schiffe werden noch immer von den klobigen Heldenstatuen bolschewistischer Bürgerkriegskämpfer begrüßt, die ihnen vom Marktplatz aus siegreich zuwinken. Doch die ehedem in Leninstraße umbenannte Swetlanskaja in ihrem Rücken hat den alten Namen wieder, der an die Fregatte „Swetlana“ erinnert, die um 1870 den Großfürsten Alexej Alexandrowitsch Romanow als erstes Mitglied der Herrscherfamilie in die damals gerade zehn Jahre junge Stadt schaukelte. Am Passagierfährenkai markiert ein märchenhaft bunter Triumphbogen die Stelle, wo 1891 der letzte Zar, Nikolai II., an Land ging. Nikolai, damals noch Thronfolger, war auch der einzige russische Selbstherrscher, der diesen strategischen Grenzposten des Reichs besuchte.

          Russlands ostasiatisches Randgebiet wurde von vielen Deutschen europäisch kolonisiert. Die ersten Gouverneure von Russisch Fernost - Andrej Baron von Korff, Gustav von Erdmann, Generalleutnant Pawel Unterberger - waren Deutsche im Zarendienst. Als schönstes Gebäude von Wladiwostok gilt das maßvoll schnörkelige Jugendstilpalais, das der deutsche Architekt Georg Junghändel für das Fernhandelskontor Kunst & Albers an der Swetlanskaja 35 errichtete.

          Hier sitzt der evangelische Propst

          Gustav Kunst und Gustav Albers, zwei Hamburger Kaufleute, importierten vor der Oktoberrevolution feine Kleidung, Lebensmittel, edle Spirituosen, Musikinstrumente, Fahrräder und sogar die beigefarbenen Klinker für ihr Stammhaus, das damals fünfzig Filialen an der russischen und chinesischen Pazifikküste besaß. Heute heißt es „Wladiwostoker GUM“ und bietet chinesische Textilien, Elektronik, Souvenirs sowie billiges Geschirr.

          Von Junghändel stammt auch die elegante Stadtvilla gegenüber, wo der Thüringer Adolph Dattan residierte, der Kunst & Albers übernahm und zum deutschen Konsul in Wladiwostok aufstieg. Junghändel baute dann auch noch, ebenfalls an der Swetlanskaja, die neugotische Pauluskirche für die Lutherisch-deutsche Gemeinde. Zu Sowjetzeiten wurde sie als Klub, Kino und Flottenmuseum zweckentfremdet. Doch seit nunmehr zwanzig Jahren ist sie wieder Gotteshaus und Sitz des evangelischen Propstes von Fernost, Manfred Brockmann, der auch den Titel Honorarkonsul führte.

          Aus Anfängern und Vollprofis zusammengesetztes Ensemble

          Einige deutsche Wurzeln aber sind tief verschüttet. Vor zehn Jahren kam der Stuttgarter Opernregisseur Peter Schwarz als Deutschlektor der Bosch-Stiftung nach Wladiwostok, wo seine Großmutter ihre Kindheit verbracht hatte, die beste Zeit davon im Vaterhaus an der Swetlanskaja. Der Urgroßvater von Schwarz, Karl Stohler (1869 bis 1937), war ein russlanddeutscher Offizier, der für Nikolaus II. im russisch-japanischen sowie im Ersten Weltkrieg focht und auch nach der Revolution in Wladiwostok blieb, bis Ende der zwanziger Jahre seine kleine Landwirtschaft enteignet wurde. Peter Schwarz suchte jedoch nicht nur nach Mosaiksteinchen seiner Familiengeschichte, sondern organisierte unter dem Vereinsdach „VladOpera“ deutsch-russische Musikprojekte als komplexe Kooperationspuzzles. Nach Gastspielen und Meisterklassen, die Stuttgarter Solisten in Wladiwostok gaben, und einem ostsibirischen Gastkonzert in Stuttgart wurde vor zwei Jahren Mozarts „Zauberflöte“ und jetzt, nachdem die Prochorow-Stiftung den Hauptteil der Finanzierung übernahm, „Die Hochzeit des Figaro“ szenisch aufgeführt.

          Wladiwostok besitzt indes kein Opernhaus. Die Sänger, die die hiesige Akademie der Künste absolviert haben, geben Konzerte und vor allem Unterricht. Deswegen macht auch die Oper im sibirischen Jakutsk beim Vorhaben von Peter Schwarz mit und schickt die junge Mezzosopranistin Anastasia Muchina für die Cherubino-Partie. Wenn der Stuttgarter Dirigent Robin Engelen in der Philharmonie an der Swetlanskaja 13 probt, fehlen an bestimmten Tagen die Blechbläser, weil sie im Militärorchester spielen müssen. Die Theaterbeleuchtung wurde von den Berliner Lichtdesignern Hans Fründt und Hannes Sesemann überhaupt erst konstruiert. Immerhin entdeckte Schwarz im Konzertsaal, der ehedem ein Theater war, einen verrammelten Orchestergraben, der wieder aufgemacht wurde. Auf der fast leeren Bühne dahinter choreographiert der Moskauer Regisseur Alexej Vejro die revolutionär-erotisch gärende Buffo-Oper mit dem aus Anfängern und Vollprofis zusammengesetzten Ensemble als episches Spektakel.

          In der Patitur ganz wie im Leben

          Die überragende Figur im fernöstlichen „Figaro“ ist der als Belästiger desavouierte Graf, der vom Stuttgarter Bariton Michael Kupfer prachtvoll verkörpert wird. Der stimmlich wie darstellerisch hochvirile Kupfer erinnert äußerlich frappierend an den Filmstar Yul Brynner, der in Wladiwostok zur Welt kam, übrigens in einer Querstraße zur Swetlanskaja. Im Wechselspiel mit dem athletischen Kahlkopf entfaltet die auf der Bühne quirlig temperamentvolle Akademiepädagogin Natalja Podgorinowa die ganze Farbvielfalt ihres geschmeidig präzisen Soprans.

          Und die Wladiwostoker Konzertsopranistin Anna Proskurjakowa verleiht der vernachlässigten Gräfin würdevolle Wärme. Der von den Frauen erst vor revolutionär roter Salonstaffage und im Finale in einem Gartenverschlag genarrte Graf bittet in seinem „Contessa perdono!“ die Gattin so unwiderstehlich nobel um Verzeihung, dass die Geister der Rebellion gebannt scheinen. Russische Machthaber sind zu einer solchen Geste gegenüber den Landsleuten unfähig.

          Nachtwache im Museums-U-Boot

          Das Orchester spielt unter Engelen spannungsvoll klar artikuliert. Der Dirigent, der noch darauf hingewiesen habe, wie hart in dieser Partitur die zweiten Geigen arbeiten müssten, während die ersten glänzen dürften - ganz wie im Leben -, bringe großartig herüber, was in dieser Partitur stecke, schwärmt der Bratschist Alexander Melikian nach der Vorstellung. Melikian, der auch bei einem Streichquartett mitwirkt, studiert nebenher beim Eisenbahninstitut. Doch jetzt eilt er zum Gefallenendenkmal mit dem Ewigen Feuer. Der Orchestermusiker muss dort in einem museifizierten S-56-U-Boot, das im Zweiten Weltkrieg zehn feindliche Schiffe versenkt haben soll, Nachtwache schieben. Tagsüber reißt er dort die Besuchertickets ab.

          Weitere Themen

          Schwarze Titelseiten in Australien Video-Seite öffnen

          Ruf nach Pressefreiheit : Schwarze Titelseiten in Australien

          Einige der großen Tageszeitungen in Australien erschienen am Montag mit geschwärzten Titelseiten. Damit wollten die Blätter nach eigenen Angaben auf die australische Gesetzgebung aufmerksam machen. Diese erschwere Journalisten die Arbeit, biete keinen ausreichenden Schutz der Pressefreiheit und lasse etwa die Durchsuchung von Redaktionsräumen zu.

          Topmeldungen

          Das britische Unterhaus am Dienstag Abend

          Johnson-Zeitplan abgelehnt : Brexit zum 31.Oktober nahezu ausgeschlossen

          Das britische Parlament hat den Gesetzesrahmen für den Brexit-Deal im Grundsatz gebilligt. Unmittelbar nach diesem Zwischenerfolg lehnte das Unterhaus jedoch den Zeitplan von Boris Johnson ab. EU-Ratspräsident Tust will eine Verlängerung der Brexit-Frist empfehlen.
          Mal wieder Münchner Mitarbeiter des Abends: Robert Lewandowski

          3:2 in Piräus : Bayern retten sich ins Ziel

          Die Bayern geraten bei Olympiakos Piräus früh in Rückstand und unter Druck – aber auf Torjäger Lewandowski ist Verlass. Für die Münchner Abwehr gilt das beim 3:2-Sieg schon wieder nicht.
          Kurze und höchst umstrittene Amtszeit: Stefan Jagsch spricht vor dem Gemeinschaftshaus in Altenstadt-Waldsiedlung.

          Nur einen Monat im Amt : NPD-Ortsvorsteher nach Eklat abgewählt

          Die Wahl eines NPD-Parteimitglieds zum Ortsvorsteher im hessischen Ort Altenstadt hatte bundesweit für Empörung gesorgt. Nun wurde Stefan Jagsch wieder abgewählt. Er fechtet die Entscheidung an – und versammelt einige Unterstützer hinter sich.

          AKK-Vorstoß : Gezielte Überrumpelung

          Annegret Kramp-Karrenbauer hat den Koalitionspartner mit ihrem Syrien-Vorstoß schwer düpiert. Jetzt muss sie ihre Idee so seriös weiterentwickeln, dass sie dem Vorwurf entgeht, es sei ihr nur um die eigene Profilierung gegangen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.