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Fernster Osten : Russlands Traum von Asien

Mit offenem Blick in die Ferne: Das neue Wladiwostok macht den zaristischen Handels- und Flottenstützpunkt vergessen Bild: REUTERS

Der letzte Außenposten Europas heißt Wladiwostok. In der fernöstlichen Hafenstadt mischen sich die Kulturen, und von nicht zu unterschätzender Bedeutung waren dabei deutsche Einflüsse.

          Die Grenze zwischen Europa und Asien verläuft nicht im Ural, sondern in der Pazifikhafenstadt Wladiwostok: dort, wo die Geleise der Transsibirischen Eisenbahn, die russische Geographie und Sprache enden. Russlands zwischen China, Korea und Japan gelegener Militär- und Handelsknotenpunkt, dessen Name als „Beherrsche den Osten“ übersetzbar ist, führe vor, wie schamlos weit Europa nach Asien vorgestoßen sei, sagt der Wladiwostoker Publizist und Lokalpatriot Wassili Awtschenko.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Russe ist ein begeisterter Nachbar ostasiatischer Kulturen, versteht sich gleichwohl aber empathisch als Europäer. Über die Hauptstraße Swetlanskaja, deren elegante Palais um die vorige Jahrhundertwende von französischen, englischen und insbesondere deutschen Geschäftsleuten errichtet wurden, wölbt sich halbfertig eine elegante neue Hängebrücke zur anderen Seite der „Goldenes Horn“ genannten Bucht. Die grandiosen Bau- und Verschönerungsarbeiten, die Wladiwostok derzeit in eine Großbaustelle verwandeln, vergegenwärtige zugleich die jetzt von Asien nach Europa ziehende Gegenströmung, sagt Awtschenko. Wladiwostok wird für das pazifisch-asiatische Wirtschaftsforum im kommenden Jahr vorzeigbar gemacht, Russland will die asiatischen Tigerländer hier auf einem supermodernen Universitätscampus empfangen.

          Karosserie und Motor werden als „Schrott“ separat eingeführt

          Die russische Neugier auf Asien äußert sich in dieser Region in Sentimentalität für japanische und koreanische Süßigkeiten und einer tiefen Leidenschaft für japanische Autos. Gebrauchtwagen mit dem Lenkrad auf der rechten Seite dominieren trotz europäischem Rechtsverkehr nicht nur das Straßenbild, sondern auch das Lebensgefühl in „Wlad“, wie die Hiesigen ihre Stadt nennen. Wassili Awtschenko hat über die zärtlich auf „Japanerinnen“ getauften Gebrauchtwagen seinen Dokumentarroman „Rechtes Steuer“ (Prawyj rul’) geschrieben, der eigentlich eine Liebesgeschichte ist. Den Russen, deren heimatliche Autoindustrie ihre besseren Modelle vor allem für den Export fertigt, versetzen die anspruchsvoll ausgestatteten Fahrzeuge, die Japan seinem Binnenmarkt vorbehält, einen Kulturschock: „Deine Schwestern aus Übersee frappierten unsere Leute durch Perfektion und Zuverlässigkeit von Fahrgestell und einem Motor, an dem nichts nachgezogen werden musste, durch Servolenkung, Klimaanlage, Automatik, Fensterheber, Zentralverriegelung, verstellbare Federung noch bei den einfachsten Typen“, heißt es in Awtschenkos Hohelied, das an das vierte Auto des Autors, einen Toyota Camry Gracia, gerichtet ist. „Und zugleich schluckten sie mit Begeisterung übelsten vaterländischen Schiffsdiesel.“

          Mit dem Kauf einer solchen anspruchslosen Japanerin erwarben sich Wladiwostoker, die manchmal weder Arbeit noch Wohnung hatten, Unterschlupf, Verdienstmöglichkeiten und Freiheit zugleich. Auf diese Weise war „Wladik“ - auch so heißt die Stadt bisweilen - vor drei Jahren mit 56 Autos auf hundert Einwohner hinsichtlich der Motorisierung das fortgeschrittenste Gemeinwesen in Russland, weit vor Moskau mit nur 34. Doch 2009 wurden die russischen Importzölle auf Gebrauchtwagen drastisch erhöht und die Methode, gebührensparend Karosserie und Motor als „Schrott“ deklariert separat einzuführen - so war auch Awtschenkos Gracia ins Land gekommen -, verboten.

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