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Fernster Osten : Russlands Traum von Asien

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Wladiwostok besitzt indes kein Opernhaus. Die Sänger, die die hiesige Akademie der Künste absolviert haben, geben Konzerte und vor allem Unterricht. Deswegen macht auch die Oper im sibirischen Jakutsk beim Vorhaben von Peter Schwarz mit und schickt die junge Mezzosopranistin Anastasia Muchina für die Cherubino-Partie. Wenn der Stuttgarter Dirigent Robin Engelen in der Philharmonie an der Swetlanskaja 13 probt, fehlen an bestimmten Tagen die Blechbläser, weil sie im Militärorchester spielen müssen. Die Theaterbeleuchtung wurde von den Berliner Lichtdesignern Hans Fründt und Hannes Sesemann überhaupt erst konstruiert. Immerhin entdeckte Schwarz im Konzertsaal, der ehedem ein Theater war, einen verrammelten Orchestergraben, der wieder aufgemacht wurde. Auf der fast leeren Bühne dahinter choreographiert der Moskauer Regisseur Alexej Vejro die revolutionär-erotisch gärende Buffo-Oper mit dem aus Anfängern und Vollprofis zusammengesetzten Ensemble als episches Spektakel.

In der Patitur ganz wie im Leben

Die überragende Figur im fernöstlichen „Figaro“ ist der als Belästiger desavouierte Graf, der vom Stuttgarter Bariton Michael Kupfer prachtvoll verkörpert wird. Der stimmlich wie darstellerisch hochvirile Kupfer erinnert äußerlich frappierend an den Filmstar Yul Brynner, der in Wladiwostok zur Welt kam, übrigens in einer Querstraße zur Swetlanskaja. Im Wechselspiel mit dem athletischen Kahlkopf entfaltet die auf der Bühne quirlig temperamentvolle Akademiepädagogin Natalja Podgorinowa die ganze Farbvielfalt ihres geschmeidig präzisen Soprans.

Und die Wladiwostoker Konzertsopranistin Anna Proskurjakowa verleiht der vernachlässigten Gräfin würdevolle Wärme. Der von den Frauen erst vor revolutionär roter Salonstaffage und im Finale in einem Gartenverschlag genarrte Graf bittet in seinem „Contessa perdono!“ die Gattin so unwiderstehlich nobel um Verzeihung, dass die Geister der Rebellion gebannt scheinen. Russische Machthaber sind zu einer solchen Geste gegenüber den Landsleuten unfähig.

Nachtwache im Museums-U-Boot

Das Orchester spielt unter Engelen spannungsvoll klar artikuliert. Der Dirigent, der noch darauf hingewiesen habe, wie hart in dieser Partitur die zweiten Geigen arbeiten müssten, während die ersten glänzen dürften - ganz wie im Leben -, bringe großartig herüber, was in dieser Partitur stecke, schwärmt der Bratschist Alexander Melikian nach der Vorstellung. Melikian, der auch bei einem Streichquartett mitwirkt, studiert nebenher beim Eisenbahninstitut. Doch jetzt eilt er zum Gefallenendenkmal mit dem Ewigen Feuer. Der Orchestermusiker muss dort in einem museifizierten S-56-U-Boot, das im Zweiten Weltkrieg zehn feindliche Schiffe versenkt haben soll, Nachtwache schieben. Tagsüber reißt er dort die Besuchertickets ab.

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