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Fernster Osten : Russlands Traum von Asien

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Seither werden Japanerinnen oft vor der Grenze zersägt und später wieder zusammengelötet. Awtschenko stieg um auf einen Nissan X-Trail, den er offiziell für achttausend Dollar erstand, plus ebenso viel Zoll. Dieser Jeep sei ein männliches Auto, ihm viel zu plump und wuchtig, sagt der Schriftsteller fast entschuldigend, doch selbstverständlich habe er das Lenkrad rechts.

Seit zwanzig Jahren wieder Gotteshaus

Die in die Bucht vorm Goldenen Horn einfahrenden Schiffe werden noch immer von den klobigen Heldenstatuen bolschewistischer Bürgerkriegskämpfer begrüßt, die ihnen vom Marktplatz aus siegreich zuwinken. Doch die ehedem in Leninstraße umbenannte Swetlanskaja in ihrem Rücken hat den alten Namen wieder, der an die Fregatte „Swetlana“ erinnert, die um 1870 den Großfürsten Alexej Alexandrowitsch Romanow als erstes Mitglied der Herrscherfamilie in die damals gerade zehn Jahre junge Stadt schaukelte. Am Passagierfährenkai markiert ein märchenhaft bunter Triumphbogen die Stelle, wo 1891 der letzte Zar, Nikolai II., an Land ging. Nikolai, damals noch Thronfolger, war auch der einzige russische Selbstherrscher, der diesen strategischen Grenzposten des Reichs besuchte.

Russlands ostasiatisches Randgebiet wurde von vielen Deutschen europäisch kolonisiert. Die ersten Gouverneure von Russisch Fernost - Andrej Baron von Korff, Gustav von Erdmann, Generalleutnant Pawel Unterberger - waren Deutsche im Zarendienst. Als schönstes Gebäude von Wladiwostok gilt das maßvoll schnörkelige Jugendstilpalais, das der deutsche Architekt Georg Junghändel für das Fernhandelskontor Kunst & Albers an der Swetlanskaja 35 errichtete.

Hier sitzt der evangelische Propst

Gustav Kunst und Gustav Albers, zwei Hamburger Kaufleute, importierten vor der Oktoberrevolution feine Kleidung, Lebensmittel, edle Spirituosen, Musikinstrumente, Fahrräder und sogar die beigefarbenen Klinker für ihr Stammhaus, das damals fünfzig Filialen an der russischen und chinesischen Pazifikküste besaß. Heute heißt es „Wladiwostoker GUM“ und bietet chinesische Textilien, Elektronik, Souvenirs sowie billiges Geschirr.

Von Junghändel stammt auch die elegante Stadtvilla gegenüber, wo der Thüringer Adolph Dattan residierte, der Kunst & Albers übernahm und zum deutschen Konsul in Wladiwostok aufstieg. Junghändel baute dann auch noch, ebenfalls an der Swetlanskaja, die neugotische Pauluskirche für die Lutherisch-deutsche Gemeinde. Zu Sowjetzeiten wurde sie als Klub, Kino und Flottenmuseum zweckentfremdet. Doch seit nunmehr zwanzig Jahren ist sie wieder Gotteshaus und Sitz des evangelischen Propstes von Fernost, Manfred Brockmann, der auch den Titel Honorarkonsul führte.

Aus Anfängern und Vollprofis zusammengesetztes Ensemble

Einige deutsche Wurzeln aber sind tief verschüttet. Vor zehn Jahren kam der Stuttgarter Opernregisseur Peter Schwarz als Deutschlektor der Bosch-Stiftung nach Wladiwostok, wo seine Großmutter ihre Kindheit verbracht hatte, die beste Zeit davon im Vaterhaus an der Swetlanskaja. Der Urgroßvater von Schwarz, Karl Stohler (1869 bis 1937), war ein russlanddeutscher Offizier, der für Nikolaus II. im russisch-japanischen sowie im Ersten Weltkrieg focht und auch nach der Revolution in Wladiwostok blieb, bis Ende der zwanziger Jahre seine kleine Landwirtschaft enteignet wurde. Peter Schwarz suchte jedoch nicht nur nach Mosaiksteinchen seiner Familiengeschichte, sondern organisierte unter dem Vereinsdach „VladOpera“ deutsch-russische Musikprojekte als komplexe Kooperationspuzzles. Nach Gastspielen und Meisterklassen, die Stuttgarter Solisten in Wladiwostok gaben, und einem ostsibirischen Gastkonzert in Stuttgart wurde vor zwei Jahren Mozarts „Zauberflöte“ und jetzt, nachdem die Prochorow-Stiftung den Hauptteil der Finanzierung übernahm, „Die Hochzeit des Figaro“ szenisch aufgeführt.

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