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Fernsehserie „House of Cards“ : Der Haifisch liebt das Blut

Dressed to kill: Kevin Spacey spielt Francis „Frank“ Underwood Bild: Sat.1/MRC II Distribution

Der Protagonist von „House of Cards“ ist zynisch, skrupellos und berechnend: In der Rolle des diabolischen Politikers Francis Underwood gibt uns Kevin Spacey das volle Programm - Politfernsehen, das mitreißt.

          5 Min.

          Der Mann kommt gleich zur Sache. Und gibt eine seiner Maximen umgehend zu Protokoll: „Es gibt zwei Arten von Schmerzen. Den Schmerz, der einen stärkt. Und sinnlosen Schmerz. Den Schmerz, der nur Leid mit sich bringt. Ich bin nicht sehr geduldig, wenn etwas sinnlos ist.“ Sagt er, hockt auf der Straße und drückt dem vor ihm winselnd liegenden Hund seiner Nachbarn, der gerade von einem Auto überfahren und schwer verletzt wurde, die Luft ab. Fall erledigt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Gestatten, Francis „Frank“ Underwood, „House Majority Whip“, also Mehrheitsführer der Demokraten im Kongress. Oder, wie er selbst sagt: jemand, der handelt, der das Unangenehme, das Notwendige übernimmt. Oder noch genauer, im O-Ton Frank Underwood: „Mein Job ist, die Rohre durchzublasen, damit die Scheiße abfließt.“ Doch er müsse, sagt der freundliche Mister Underwood im nächsten Satz, „nicht mehr lange den Klempner spielen“. Außenminister ist die von ihm erwartete, nächste Karrierestation. Schließlich hat der neu gewählte Präsident Garrett Walker seinen Wahlsieg maßgeblich ihm zu verdanken.

          Kein Platz für Verlierer

          Die Ernüchterung folgt auf dem Fuß. „Wir werden Sie nicht zum Secretary of State ernennen, wir brauchen Sie im Kongress“, sagt Linda Vasquez, die Stabschefin des Präsidenten, der ausgerechnet Underwood zu ihrem Job verholfen hat. Sie sei so „zäh wie ein Zwei-Dollar-Steak“, hatte er uns Zuschauern gerade anvertraut. Doch hat er offenbar unterschätzt, wie zäh, wie hart sie ist. Kaltlächelnd spielt sie ihn aus. Die beiden kämpfen in derselben Gewichtsklasse.

          Das gilt auch für Francis’ Frau Claire, die eine Schickimicki-Umweltorganisation führt und ihre Leute wie ein Strafbataillon befehligt. Sie ist einigermaßen fassungslos, dass ihr Mann die Pleite nicht hat kommen sehen. Eine Sekunde lang sieht es so aus, als wolle Frank sich hängenlassen, als zeige er Schwäche. Die ihm seine Frau nicht durchgehen lässt: „Mein Mann entschuldigt sich nicht, nicht mal bei mir.“ Was für eine Beziehung, was für ein Paar - die Wiederkehr der Macbeths, ein Killerkommando. „Ich liebe diese Frau. Ich liebe sie mehr, als Haie Blut lieben“, sagt Frank.

          Immer ein Lächeln im Gesicht: Die Underwoods (Kevin Spacey und Robin Wright) geben nach außen hin das engagierte Vorzeigeehepaar
          Immer ein Lächeln im Gesicht: Die Underwoods (Kevin Spacey und Robin Wright) geben nach außen hin das engagierte Vorzeigeehepaar : Bild: Sat.1/MRC II Distribution

          Willkommen bei „House of Cards“, der Serie, die Politik zeigt, wie sie wirklich ist. Und wie sie gemacht wird von jemandem, der nur noch zerstören will. „Wir dienen niemandem mehr“, sagt Frank zu seinem Adlatus, gibt Anweisungen für die nächsten Schritte und grinst: „So verschlingt man einen Wal, einen Bissen nach dem anderen. Ich habe seit gestern nichts mehr gegessen.“

          Das Prinzip Mephisto. „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das gute Böse will und stets das Gute schafft.“ Doch Frank schafft nichts Gutes, er will Rache, er ist der Terminator. Und seinen Faust findet er auch, in Gestalt der jungen Journalistin Zoe Barnes, Reporterin beim „Washington Herald“, die es gar nicht erwarten kann, die Politszene ums Weiße Haus aufzumischen. Frank liefert ihr eine Vorlage, die den Präsidenten einen Tag nach seiner Amtsübernahme gleich voll erwischt. Mit dem neuen Bildungsgesetz lande er „noch zwei Schritte links von Karl Marx“, sagt Frank dem beflissenen Gutachter, der es ausgearbeitet hat. Und genauso steht es dann auch in der Zeitung. Der Präsident - ein Marxist. Parteifreund Walker bekommt zu spüren, wo der Hammer hängt.

          Transparenz mal anders

          Und wir, die Zuschauer, spielen von Beginn an mit. Weil Frank uns ins Vertrauen zieht. Kevin Spacey, der ihn mit diabolischer Inbrunst spielt, wendet sich dann und wann direkt in die Kamera. Er spaziert durch die Szenerie, schüttelt da eine Hand, macht hier ein Kompliment, gibt Kommandos, spinnt seine Fäden und kommentiert das Ganze für uns. Daran habe er sich selbst erst gewöhnen müssen, sagte der Schauspieler im Gespräch mit dieser Zeitung (F.A.Z. vom 2. Februar), doch habe er dabei den Blick der Theaterzuschauer vor sich, die er, wie es an dieser Stelle hieß, in Shakespeares Richard III. auf der Bühne in seine Machenschaften einweihe.

          Das habe ihn auf die Idee gebracht, mit den Zuschauern wie mit einem guten Freund zu reden. Und so macht er es auch: Nur zu uns ist er ehrlich, vor uns hat er keine Geheimnisse, wir sind seine Mitverschwörer. Das hat bösen Witz und Ironie, Tempo und Kraft. „House of Cards“ gibt von der ersten Minute an Vollgas, die Dialoge sind gestochen scharf, das ist Theater und Kino im Fernsehen in einem.

          Durch die vierte Wand: Spricht Frank Underwood mit seinem Telefonpartner oder mit den Zuschauern?
          Durch die vierte Wand: Spricht Frank Underwood mit seinem Telefonpartner oder mit den Zuschauern? : Bild: Sat.1/MRC II Distribution

          Und das Internet spielt auch noch eine Rolle. Denn „House of Cards“ ist nicht einfach eine Spitzen-Serie, hinter der eine kreative Kraft, ein Hintergrundwissen und ein versiertes Team steckt, wie man es hiesigen Reihen nur wünschen kann (aber doch nicht angeboten bekommt). Es ist das Werk, mit dem die Online-Plattform Netflix - neben der Serie „Lilyhammer“ - das klassische Fernsehen herausfordert, insbesondere den Qualitätssender HBO. Sechzig Millionen Dollar hat die erste „House of Cards“-Staffel von dreizehn Folgen angeblich gekostet; die zweite, ebenso lange Staffel wurde gleich mit beauftragt, für dann insgesamt hundert Millionen Dollar.

          Ins Netz, für die Abonnenten zum Abruf, hat Netflix die Episoden im vergangenen Frühjahr auf einen Schlag gestellt. „Wir haben gezeigt, dass wir die Lektion gelernt haben, welche die Musikindustrie nicht gelernt hat“, sagte der Hauptdarsteller Kevin Spacey: „Gebt den Leuten, was sie wollen, wann sie es wollen, in der Form, in der sie es wollen und das zu einem vernünftigen Preis. Dann werden sie es lieber kaufen wollen, als es zu stehlen.“ Er hat damit das Credo der weltweit immer größer werdenden Serien-Fangemeinde formuliert.

          Qualität statt Quoten

          Und Netflix lässt nicht nach, steigert seine Abonnentenzahl auf angeblich vierzig Millionen und formuliert einen großen Anspruch: „Das Ziel ist, schneller zu HBO zu werden, als HBO sich in uns verwandeln kann.“ Mit der Gefängnisserie „Orange is the New Black“ hat der Streamingdienst denn auch sogleich die nächste Tat folgen lassen. Drei Emmys - die amerikanischen Fernseh-Oscars - gab es für „House of Cards“ in diesem Sommer, für die Regie von David Fincher, für das Schauspielerensemble und die Kamera. Die zweite Staffel hat Netflix für den 7. Februar 2014 terminiert. Sie wird bei uns im Abofernsehen beim Sender Sky laufen, der es sich zur Gewohnheit gemacht hat, mit neuen Serien postwendend nach deren amerikanischem Start loszulegen.

          Über die dritte wird noch orakelt, eine Bemerkung, die Kevin Spacey dieser Tage bei einer Diskussion zu Politik und Ethik an der Georgetown University in Washington machte, es werde in dieser Sache in wenigen Wochen irgendetwas verkündet werden, interpretieren Fans der Serie als gutes Omen für eine Fortsetzung. Auf die dann auch Sat.1 ein Auge werfen dürfte, der Sender, der „House of Cards“ an diesem Sonntag ins hiesige, frei empfangbare Fernsehen bringt. Dass Sat.1 daran festhält, Qualitätsserien zu zeigen, auch wenn sie, wie etwa das gerade pausierende „Homeland“, nicht für Zuschauermassen sorgen, darf man dem Sender hoch anrechnen, im Schwesterspartenkanal Pro Sieben Maxx läuft „House of Cards“ zudem im Original mit Untertiteln. (An der deutschen Synchronisation, bei der Till Hagen die Rolle von Kevin Spacey spricht, gibt es aber gar nichts auszusetzen.)

          Nicht nur die Anzüge und der Cognac sind von bester Qualität: „House of Cards“ bietet intelligentes Unterhaltungsfernsehen mit einem erstklassigen Cast
          Nicht nur die Anzüge und der Cognac sind von bester Qualität: „House of Cards“ bietet intelligentes Unterhaltungsfernsehen mit einem erstklassigen Cast : Bild: Sat.1/MRC II Distribution

          Dass „House of Cards“ den Reigen bestechender amerikanischer Serien fortsetzt, hat Gründe. Es ist nicht nur der Aufwand, den sich die hiesigen Sender angeblich nicht leisten können (auch wenn ARD und ZDF Milliarden-Budgets verfuttern). Es geht um Akribie und Expertise. Für diese sorgt bei „House of Cards“ der Autor und Dramatiker Beau Willimon, der für die Senatskampagne von Hillary Clinton und die Präsidentschaftskampagne von Howard Dean gearbeitet hat. Er hat die Vorlage, die gleichnamige BBC-Serie von 1990, die nach dem Buch „Ein Kartenhaus“ des früheren Thatcher-Mitarbeiters Michael Dobbs gestaltet wurde, auf amerikanische Verhältnisse getrimmt, die international verstanden werden.

          Die Dritte im Bunde

          Der Produzent und Regisseur David Fincher, der über reichlich Kinoerfahrung verfügt („Panic Room“, „Social Network“), versteht sich auf den richtigen Rhythmus, auf das gleichzeitige Erzählen einer großen und vieler kleinen Geschichten und auf die Führung der Schauspieler. Denen man wiederum anmerkt, dass sie in hundertsechzig Drehtagen zu einer verschworenen Truppe geworden sind. Robin Wright („Es ist ein einziges Theater der Korruption, Gier und Lügen“) als Claire und Kevin Spacey als Francis Underwood werfen sich die Bälle zu, da sitzt jede Zeile. Kate Mara ist als Reporterin Zoe Barnes die Dritte in diesem Bunde, noch nicht so eiskalt wie Mrs. und Mr. Underwood, aber ebenso ehrgeizig und zunehmend ohne Skrupel - ein Lehrling im Hause Macbeth sozusagen.

          Vor dem Bild mit den beiden Ruderern: Underwood macht die junge Reporterin Zoe Barnes (Kate Mara) zu seiner Komplizin.
          Vor dem Bild mit den beiden Ruderern: Underwood macht die junge Reporterin Zoe Barnes (Kate Mara) zu seiner Komplizin. : Bild: Sat.1/MRC II Distribution

          Und sie lernt schnell. Legt den Push-up-BH an und das Dekolleté tiefer, stakst nächtens ins Wohnzimmer der Underwoods, genießt ihren Aufstieg in der Zeitung, während Frank das Rad seiner großen Verschwörung dreht, für die er noch mehr Leute einspannt, Gesetze stoppt, Karrieren einfädelt und beendet, alles zur höheren Ehre seines unaufhaltsamen Aufstiegs, dem ja nur ein amerikanischer Präsident im Weg steht. Noch.

          „Wir sitzen jetzt im selben Boot, Zoe“, sagt Frank seiner nägelkauenden neuen Machtgeschäftspartnerin. Er hat sie zur Übergabe der Geheimpapiere ins Museum bestellt, sie sitzen vor dem Gemälde von Thomas Eakins, „Biglin Brothers Racing“ (1872), das zwei Ruderer zeigt. „Bringen Sie es nicht zum Kentern. Ich kann nur einen von uns vorm Ertrinken retten.“ Es ist keine Frage, wen Frank retten würde.

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