https://www.faz.net/-gqz-72aaf

Fernsehkritik: Maischberger : Eine ganz arme Sendung

  • -Aktualisiert am

Maischbergers Runde lauscht Sahra Wagenknecht Bild: ARD

Bei Sandra Maischberger sollten die Reichen zur Kasse gebeten werden. Daraus ist nichts geworden – und aus allem anderen auch nicht. Das Format steht vor der Pleite.

          Wenn die ARD mit ihrem Wahnsinnsprojekt, jeden Wochentag mit einer anderen Talkshow abzuriegeln, eines geschafft hat, dann ist es der Eindruck, dass sich über die meisten Themen gar nicht mehr zu reden lohnt. Das scheinen inzwischen sogar die Gäste so zu sehen.

          Das Thema, über das Sandra Maischberger am Dienstagabend diskutieren wollte, hieß: „Der Millionär hat’s schwer: Reiche, zur Kasse bitte!“ Es sei ein sehr wichtiges Thema, sagt sie, eine Thema, das im kommenden Bundestagswahlkampf sicher eine große Rolle spielen werde. Aber da ist die Sendung schon zu Ende, bei der sie nach der Hälfte bereits eingesehen hat: „Wir kommen hier nicht einen Punkt weiter.“

          Dabei hatte die Redaktion die Gästeliste doch in der üblichen Weise abgezählt. Die Reichen, auf die man bei einer Sendung über Reiche nicht verzichten kann, sind in den Varianten schrill und nachdenklich eingeladen worden. Die Armen, von denen es naturgemäß mehr gibt, werden von Wohlfahrtsverband und Linkspartei vertreten. Dazu gibt es die Anderen, die es in jeder Talkshow gibt, und die mit dem Thema scheinbar gar nichts zu tun haben. All dieser Aufwand, und dann geht es in den ersten zwanzig Minuten um die Binsenweisheit, dass Reichtum relativ ist.

           „Das Glück des Spermas“

          Die tausend Schuhe, welche die Unternehmerin Claudia Obert sich kaufen kann, werden mit den drei Sandalen verglichen, die der Pirat Johannes Ponader besitzt und die Rolls Royce‘, die angeblich durch Berlin-Mitte fahren, mit den Rollatoren der Rentnerinnen, die es dort auch gibt. Sahra Wagenknecht soll sagen, ob sie nicht auch gern teuer essen geht, als sei das Leuten aus der Linkspartei verboten, und Dirk Roßmann, dessen Drogeriekette etwa eine Milliarde Euro wert ist, muss erklären, dass das nicht bedeutet, dass er diese Milliarde nun auf dem Konto liegen hat. „Aber Frau Maischberger“, sagt er, „so ist das doch nicht.“

          Nachdem die Moderatorin das Diskussionsniveau auf dieser Höhe gedeckelt hat, ist eigentlich nur noch interessant, wie ihre Gäste darauf reagieren. Mühelos mitgehen kann nur Claudia Obert, die vom Verkauf italienischer Luxusmode vermögend wurde und sich als „positives Element der Weltwirtschaft“ empfindet. Anders als viele Deutsche, die statt durch Arbeit durch Erben reich werden, habe sie nicht das „das Glück des Spermas“ gehabt. Daraufhin beweist der Schweizer Journalist und Verleger Roger Köppel, dass er dieses Niveau gerade wegen und nicht etwa trotz seiner Intelligenz zu halten vermag. Eine Gesellschaft müsse Reiche haben, weil sonst der Arbeiter bei Rolls Royce seinen Job verliere.

          Der schweigende Pirat

          Der Rest der Gäste entscheidet sich dafür, bei der Diskussion nicht mehr mitzumachen, ohne deshalb die Sendung zu verlassen. Auf dieses Argument folgt jenes Argument, auf die eine Statistik eine andere, unterbrochen von einem albernen Einspieler, in dem gesagt wird, dass Astrid Lindgren einmal ein Märchen darüber geschrieben habe, dass sie 102 Prozent Steuern zahlen muss. Danach bezieht sich niemand mehr auf das, was vor ihm gesagt wurde, und keiner antwortet mehr der Moderatorin. Auf die Frage von Sandra Maischberger, was man den Reichen noch zumuten könne, sagt Sahra Wagenknecht: „Die Frage ist doch, was man den Armen noch zumuten kann.“

          Der Pirat Johannes Ponader

          Als der Pirat Johannes Ponader nach fast einer Stunde überhaupt noch einmal den Mund aufmacht, erinnert man sich erst er wieder daran, dass er auch noch in der Runde sitzt. Er kommt dann später – in der Sendung wie gerade auch in seiner Partei – sehr ins Schlingern, weil er nicht erklären kann, warum er Hartz IV bezogen hat, wo er mit Einser-Abitur, Studium und Stipendium doch leicht eine Arbeit hätte finden können. In diesem Moment aber, in dem er für ein paar Sätze aus seinem Schweigen wieder auftaucht, wird klar, dass die Hoffnung, die ARD würde eines Tages einsehen, dass es mit ihren Talkshows nicht so weitergehen kann, eine leere ist. Und auch auf die Redaktion kann man nicht setzen. Es sind die Gäste, die es in die Hand nehmen müssen und das ganz offensichtlich längst erkannt haben. Sie lassen sich noch einladen, sagen aber nichts mehr. Und zwar nicht nur inhaltlich, sondern jetzt auch wirklich. Vielleicht hört ja so alles auf.


           

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Ein Serienstar wird Präsident : Wenn Fiktion Wirklichkeit wird

          Der Komiker Wolodymyr Selenskyj hat den Aufstieg seines Serien-Alter-Egos im echten Leben wahrgemacht. Er wird laut Prognosen Präsident der Ukraine. Seinen ersten Auftritt nach der Wahl nutzt der umstrittene Polit-Newcomer, um eine Botschaft zu senden – und ein Versprechen abzugeben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.