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Fernsehkritik: Doku über israelischen Geheimdienst : Die Schlacht gewinnen, den Krieg verlieren?

  • -Aktualisiert am

Dror Moreh, Diskutant Bild: Jens Gyarmaty

„Töte zuerst“: In Israel wurden Dror Morehs Gespräche mit ehemaligen Geheimdienstchefs zu einer Demonstration der Macht des Kinos. Nun werden sie im deutschen Fernsehen gezeigt.

          Zwei Dinge hätte der israelische Regisseur mit diesem Film gewinnen können: den Oscar für die beste Dokumentation - und eine Parlamentswahl. Die Vitrine von Dror Moreh ist mittlerweile gut gefüllt. Aus künstlerischer Sicht war „The Gatekeepers“ also schon vor der Oscarnacht ein Erfolg. Wichtiger als alle Preise von Berlinale & Co. dürfte ihm indes sein, was ein Ex-Sprecher der israelischen Armee in einem Interview sagte: Dieser Film habe die politische Landschaft Israels verändert. Bei den Wahlen zur Knesset im Januar 2013 gewann die Mitte an Stimmen, die Rechten brachen ein.

          “Töte zuerst - Der israelische Geheimdienst“ heißt hierzulande der Film, der das vollbracht haben soll; der NDR hat ihn koproduziert. Zum ersten Mal berichten alle noch lebenden Ex-Chefs des Schin Bet vor der Kamera, was es bedeutet, Israels Sicherheit zu verteidigen. Der Schin Bet: Das ist, nach den Eroberungen im Sechs-Tage-Krieg von 1967, der vielleicht wichtigste Geheimdienst des Landes. Er ist für die innere Sicherheit zuständig, und die wird aus israelischer Sicht auch in Gaza und im Westjordanland verteidigt. Die „gezielten Tötungen“ aus der Luft, die Vernehmungen mit „moderatem körperlichem Druck“, das Spitzelsystem in den palästinensischen Gebieten und eben auch: das Verhindern von Selbstmordanschlägen - das alles ist seine Arbeit.

          Als sie noch für die Sicherheit des Staates zuständig waren, mussten sich die sechs Schin-Bet-Chefs politischer Stellungnahmen enthalten. Erst in Rente können sie sagen, was sie umtreibt. Und was sie da in diesem Film erzählen, verstört Israel. Die sechs Männer, die Folter befahlen und staatlichen Mord, diese sechs Männer nennen die aktuelle israelische Politik nun: fatal, verbrecherisch, strategielos.

          Weinende Kinobesucher

          Womöglich versteht man die Intention dieses Films am besten, wenn man Ami Ayalon, Chef von 1996 bis 2000, zuhört. Er erzählt, wie bei der morgendlichen Rasur immer wieder die Bilder in ihm aufsteigen, von den Raketen, den Fadenkreuzen, den Leichenteilen. Dann blickt er sich im Spiegel in die Augen und fragt sich: Macht die Politik, mache ich als Schin-Bet-Chef das Land sicherer mit dem, was ich tue?

          Das Westjordanland ist heute ein Flickenteppich aus palästinensisch und israelisch verwalteten Gebieten, in dem jede Woche Palästinenser Israelis und Israelis Palästinenser angreifen. In der Altstadt von Hebron kommen fünfhundert Sicherheitskräfte auf sechshundert Siedler. Wie hoch ist der Preis für dieses Stück Land geworden?

          So wie Ayalon vor dem Toilettenspiegel steht und die Wachheit seiner Vernunft die Ungeheuer gebiert, die er neutralisiert zu haben glaubte, so will auch Regisseur Moreh die israelische Gesellschaft mit dem konfrontiert sehen, was sie mühsam verdrängt hat. Aber das ist schmerzhaft, wie jeder merkte, der sich in Jerusalem oder Tel Aviv ins Kino setzte. Wer erlebt hat, wie Israelis im Filmsaal weinen, wenn Carmi Gillon (1995 bis 1996) von der Schmach erzählt, welche die Ermordung Yitzhak Rabins während seiner Amtszeit für ihn bedeutet; wer erlebt hat, wie sich Kinobesucher in die Sitze verkriechen, wenn die explodierten Busse der zweiten Intifada zu sehen sind, der weiß: In diesem Film erzählen nicht Großväter vom Krieg, sondern höchste Sicherheitsbeamte über die Gegenwart derjenigen, die ihnen dabei zuschauen. „Wenn man das Amt verlässt, wird man ein bisschen zu einem Linken“, sagt Yaakov Peri, in dessen Amtszeit die Oslo-Verträge von 1994 fallen.

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