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FAZ.NET Fernsehkritik : „Wir haben keinen Organspendeskandal“

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Brave Diskussion: Bei Beckmann ging es um den Organspendeskandal Bild: NDR/Morris Mac Matzen

Den Organspendeskandal und seine Folgen hatte „Beckmann“ in seiner Sendung ins Visier genommen. Die Diskussion blieb über weite Strecken allerdings recht brav. Nur der Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation verkündete erstaunlich selbstbewusste Thesen.

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          Mehr Transparenz, Vier-Augen-Prinzip, unangekündigte Kontrollen – die Transplantationsmedizin-Experten der Bundesärztekammer hatten am Nachmittag der Öffentlichkeit als Lösung präsentiert, was man so anbieten kann, wenn die Öffentlichkeit Taten erwartet, die Akteure aber nichts grundlegend ändern wollen. Am Abend dann war der Organspende-Skandal Thema der ARD-Talkrunde bei Moderator Beckmann.

          Der Skandal, der mittlerweile recht weite Kreise gezogen hat, hat zwar angeblich alle und gerade auch die Fachleute überrascht; merkwürdigerweise schlägt das auf die angebotenen Bewältigungsstrategien aber nicht durch: Hier ist kein Ringen um ganz neue Ideen erkennbar, keine Suche nach Konzepten, die helfen einer ganz unerwarteten Situation Herr zu werden, hier herrscht Routine. Tatsächlich sind die Insider der Transplantationsmedizin auch weniger überrascht, als ihre öffentlichen Erklärungen annehmen lassen.

          Die Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt, die in der „Süddeutschen Zeitung“ als erste über die schwerwiegenden Manipulationen von Patientendaten an der Universitätsklinik Göttingen geschrieben hat, unterstrich bei „Beckmann“, dass in der Klinik bekannt war, dass Daten manipuliert wurden. Auch Axel Rahmel, Medizinischer Direktor der privatrechtlichen Stiftung Eurotransplant, räumte auf die insistierende Nachfrage von Moderator Beckmann ein, dass angesichts der Art und Weise der Manipulationen schwer vorstellbar sei, dass hier ein Arzt allein gehandelt hätte.

          Eurotransplant habe aber immer darauf gesetzt, dass in den Transplantationszentren die soziale Kontrolle funktioniere und solche Machenschaften dadurch verhindert würden. Ein bemerkenswertes Bekenntnis, angesichts dessen, dass hier enorme Mengen Geldes und die lebenswichtige knappe Ressource „Organe“ verteilt werden. Etwas mehr als „soziale Kontrolle“ hat angesichts dessen auch der deutsche Gesetzgeber vorgesehen, der immerhin die Schaffung einer Prüfungskommission verlangt hat, die den gesetzlichen Auftrag hat, Vermittlungsentscheidungen zu überprüfen.

          Schiedsrichter, Stichproben und Spanien

          Die zurückhaltende Tätigkeit dieser Prüfungskommission lieferte in der “Beckmann“-Diskussion dem DSO-Vorstand Günter Kirste Argumente für seine Position. Kirste hatte selbst noch vor einigen Monaten im Zentrum eines Skandals um die Arbeitsweise der Deutschen Stiftung Organtransplantation gestanden, doch darauf ging in der „Beckmann“-Sendung taktvollerweise niemand auch nur mit einer Silbe ein. Kirste hob hervor, dass seit dem Jahr 2000 von der Prüfkommission bei etwa 30.000 durchgeführten Transplantationen nur etwa 20 Fälle wegen Unregelmäßigkeiten an die staatlichen Behörden weitergemeldet worden seien. Für ihn ein Indiz, dass das System der Organverteilung in Deutschland keineswegs marode sei, sondern recht gut funktioniere. Diese Überzeugung hatte ihn auch zu Beginn der Sendung schon zu der bemerkenswerten Feststellung motiviert „wir haben keinen Organspendeskandal, wir haben einen Skandal eines einzelnen Menschen, der zweimal agiert hat und ich habe mir sagen lassen, dass das im Fußball bei Schiedsrichtern auch schon mal passiert.“ Eine Betrachtungsweise, die hinsichtlich der Selbstheilungskräfte der Transplantationsmedizin nicht gerade optimistisch stimmt.

          Leider bot dem Chef der für die Organisation und Durchführung von Organspenden in Deutschland verantwortlichen Organisation an dieser Stelle niemand entschieden Paroli . Dabei hätte man beispielsweise darauf hinweisen können, dass die Prüfungskommission die Vermittlungsentscheidungen nur stichprobenartig überprüft ohne übrigens öffentlich mitzuteilen, wie viele Stichproben überprüft wurden. Seit ihrer Gründung bis 2011 musste die Kommission jedenfalls 119 Vorgänge „klärungsbedürftiger Auffälligkeiten“ untersuchen – auch das, ohne dass sie sich jemals mit detaillierten Informationen über die Problemfälle der Transplantationsmedizin an die Öffentlichkeit gewendet hätte.

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