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Fernsehkritik „Anne Will“ : Langzeiturlaub bis zum Lebensende?

Anne Will diskutierte mit ihren Gästen über den Pflegenotstand: „Bleibt weiter alles an den Angehörigen hängen?“ Bild: dpa

Wer kümmert sich um das wachsende Heer dementer Alter - die Angehörigen? „Anne Will“ hat Wege aus dem Pflegenotstand gesucht. Und sich bis nach Thailand verirrt.

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          Wozu den demographischen Teufel an die Wand malen, es gibt doch Thailand: Das ist Luxuspflege pur für Demenzkranke. Rundum-Pflege für jeden „Gast“ durch drei junge zufriedene ungehetzte Pflegerinnen, die tägliche Massage inbegriffen, und lange, vielsagende Blicke in nicht mehr ganz so traurige Augen - und das alles für unvorstellbar preiswerte 2500 Euro monatlich. Das ist das Alzheimer-Export-Sparmodell. Und Demenzpatient Manfred genießt es.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Sieht sie so also aus, die Pflege im Jahr 2030 oder 20250? Man könnte lachen, wenn es nicht so traurig wäre, um was da gestern Abend bei Anne Will diskutiert wurde. Die Ausgangsfrage nämlich war: „Bleibt weiter alles an den Angehörigen hängen?“

          Gewissensfragen und ein groteskes Ende

          Sehr wahrscheinlich schon, musste die Antwort nach einer Stunde Diskussion zwischen Pflege-Profis, -Engagierten und Gesundheitsminister Bahr eigentlich lauten. Das Thailand-Sparmodell hat allerdings diese ernste und notwendige Debatte um den dräuenden Pflegenotstand am Ende auf ein Gleis geführt, das von vielen als genau das verstanden musste, was nur Zyniker auszusprechen vermögen: Warum nicht im Fall der Fälle in einen luxuriösen Gnadenhof ziehen mit garantierter Exotik? Langzeiturlaub zum Billigtarif bis zum Lebensende.


          So sah das bittersüße wie groteske Ende einer Diskussion aus, die sich lange um Gewissensfragen drehte: Etwa das immer noch erstaunlich unbelastete Gewissen der politisch Verantwortlichen, die Jahrzehnte lang die Augen vor dem wachsenden Heer von heute schon 2,5 Millionen pflegebedürftigen Menschen und den Schieflagen im Umgang mit zu Pflegenden verschlossen haben, und die nun mit einem weiteren Pflegereförmchen die gröbsten Schnitzer auszubessern versuchen.

          Es ging aber auch um die Schuldgefühle der Angehörigen. „Wir müssen verhindern, dass wir den Kindern ein schlechtes Gewissen einreden, wenn sie ihre Eltern in ein Pflegeheim geben“, warnte etwa Ulrich Schneider, der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes.

          Schon der Versuch der Gewissensberuhigung war allerdings vergeblich. Weil nämlich auch offene Worte gefunden wurden über „Verwahranstalten“, genauso wie über das „falsche Schreckbild“, das allgemein über deutsche Pflegeheime verbreitet werde. Der das behauptete, war der Journalist Konrad Franke, der sich mehr als dreihundert Heime angesehen hat und seine beiden Eltern guten Gewissens in ein Heim „gedrängt“ hat, in dem sie heute ihren Wecktermin am Morgen selbst aussuchen und klaglos Kinobesuche am Abend planen können.

          Chronische Überforderung des Pflegepersonals

          Wer wollte so ein Heim nicht weiterempfehlen, wenn man nicht gleichzeitig erfahren müsste, dass eben auch das Realität ist, wovon die frühere Managerin Klaudia Güthues sprach: Demenzkranken Eltern, denen nach sechzig Jahren selbstbestimmtem Leben gezwungen werden, die Zähne nachts rauszunehmen, und die wegen chronischer Überforderung des Pflegepersonals gezwungen sind, in Schlafanzughosen den Tag im Heim zu verbringen.

          Darum ging es überwiegend: Kann man alte, zerbrechliche Menschen wirklich guten Gewissens einen Lebensabend im Heim empfehlen? Und wer kommt dafür auf vor dem demografischen Hintergrund einer geriatrischen Gesellschaft? Und schließlich: Wie soll das gehen mit immer völlig überfordertem, unterbezahltem Pflegepersonal?

          Es wurden, wie so oft in diesen mit konkreten Lebenserfahrungen einzelner Diskutanten gespickten Debattenrunden, keine verallgemeinerbaren Antworten gefunden. Ob Heime vertrauenswürdig sind oder nicht, muss im Einzelfall geprüft werden.

          Auch ob eine gebrechliche „weiße Europäerin“ nicht von einem „schwarzen afrikanischen Mann“ gepflegt werden will, wie das Barbara Scheel, die an diesem Abend sichtlich übermotivierte, politisch unkorrekte Gattin des Altbundespräsidenten beklagte, das wollte niemand so grundsätzlich stehen lassen.

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