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Fernsehkonsum : Leben mit dem Schirm

  • -Aktualisiert am

Dass Fernsehen viel ungesünder sei als Zeitunglesen, war wohl bekannt. Die französische „Le Monde“ meldet nun: Fernsehen verkürzt die Lebenserwartung noch stärker, als bisher angenommen.

          „Fernsehen tötet“: Es war die tödliche Schlagzeile von „Le Monde“ zum Wochenende. „Wissenschaftlich erwiesen“ sei der Befund, stand da noch in gleich großen Lettern. Und darunter: „Eine Stunde Fernsehen verkürzt die Lebenserwartung um 21 Minuten.“ Wer nicht vom Schlag getroffen wurde, hat sich vielleicht gerade noch zu einem Spaziergang aufgerafft und die Zeitung vorerst zur Seite gelegt. Um der Konkurrenz durch das Internet, das eine Bürountätigkeit sei, aus dem Weg zu gehen, verpackt das Pariser Weltblatt seine Ausgaben am Samstag und Sonntag mit thematischen Beilagen und einem dicken Magazin.

          Journalistisch aufbereitet und auch ein bisschen breit gewalzt wurde die sensationelle Nachricht vom mörderischen Fernsehen in der eher trockenen Beilage „Wissenschaft und Technik“. Auch seine Redakteure hätten sich „die Augen gerieben“, als sie das „British Journal of Sports Medicine“ lasen. Die Studie wurde von australischen Forschern durchgeführt. Mit 11247 Einwohnern. 9,8 Milliarden Stunden vor der Glotze hätten die Lebenserwartung der Männer nach dem 25. Altersjahr um je 21,6 Monate reduziert. Bei den Frauen um eineinhalb Jahre. Umgerechnet: „Drei Stunden TV täglich während zwanzig Jahren verkürzen das Leben um ein Jahr.“

          Daneben zitierte die Redaktion weitere Untersuchungen. Ihre Deutung sei manchmal umstritten, aber „die globale Schädlichkeit des Fernsehens“ stehe unter Wissenschaftlern außer Zweifel, bekräftigt Michel Desmurget im Interview: Er veröffentlicht gerade ein Buch „TV Lobotomie“. Es geht gar nicht nur um Kinder und Diabetes, Fettleibigkeit, mangelnde Bewegung, Knabbern und Trinken, die nicht direkt dem Fernsehen angelastet werden können. Das passive Konsumieren schade dem Hirn genauso wie dem Körper: Auch Alzheimer droht sagt eine andere Studie: „Jede tägliche Stunde im Alter zwischen 40 und 59 Jahren erhöht das Risiko um 30 Prozent.“

          Die Zeitung war sich offensichtlich nicht bewusst, welchen Schrecken sie da landesweit verbreitete. Am Tag danach versuchte sie, in einem Leitartikel die Folgen zu relativieren: „Das Fernsehen tötet, aber man muss mit ihm leben.“ Die Redaktion habe lediglich „die wissenschaftliche Literatur“ ausgewertet. Und wisse sehr wohl: „Auch Leben tötet.“ Verbieten wie die Werbung für Tabak und Alkohol kann man es nicht. Doch an Einblendungen wie die Warnungen auf Zigarettenpackungen denkt die Zeitung sehr wohl: „Achtung. Fernsehen schadet Ihrer Gesundheit. Abschalten!“

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

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