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Fernsehfilm-Festival : Dieser Jahrgang kann sich sehen lassen

Alina Levshin spielt die „Kriegerin“ Marisa, die Ausländer und Asylbewerber im ostdeutschen Vorortzug angreift Bild: ddpimages/Ascot Elite/Alexander Janetzko

Beim Festival des Fernsehfilms in Baden-Baden gab es mehr Sieger als Preise. Am Ende aber schockierte ein Jungregisseur mit einem Film über ein Mädchen aus der Neonazi-Szene.

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          Die zwölf Fernsehspiele, die im Wettbewerb des 23. Fernsehfilm-Festivals in Baden-Baden um den Hauptpreis konkurrierten, wurden während des vergangenen Jahres in der ARD, im ZDF, bei Sat.1, im ORF, im Schweizer Fernsehen, auf Arte und bei 3sat erstmals ausgestrahlt und dürften dabei in der Summe deutlich mehr als dreißig Millionen Zuschauer erreicht haben. Wir haben es also mit dem publikumswirksamsten aller künstlerischen Genres zu tun. Und da sich fast jeder Wettbewerbsfilm einem aktuellen politischen oder gesellschaftlichen Thema stellte, wurde das Festival überdies zum Indikator für mögliche ästhetische Zugänge zur unmittelbaren Gegenwart.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Der jüngste Jahrgang des Fernsehfilms ist in der Tat bemerkenswert. Mindestens die Hälfte der in Baden-Baden gezeigten Beiträge wäre preiswürdig gewesen. Dass am Ende in allen drei Kategorien - dem Hauptpreis der Jury, dem Preis der Filmstudenten und dem Publikumspreis von 3sat - mit dem Cyber-Mobbing-Drama „Homevideo“ derselbe Sieger gekürt wurde, entspricht deshalb keineswegs der Bandbreite des Beachtlichen. Gewiss, „Homevideo“ (Regie: Kilian Riedhof) führt beklemmend vor, wie sich die Freiheit des Internets angesichts jugendlicher Blauäugigkeit in den Horror der Exhibition verwandeln kann. In seinem letzten Teil verliert der Film jedoch an psychologischer Plausibilität. Da er vor wenigen Wochen bereits beim Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, steht er nun etwas überbewertet da.

          Besser war dieser Schauspieler nie

          Unverdient leer ausgegangen ist demgegenüber etwa Franziska Meletzkys „Es ist nicht vorbei“, die präzise Rückblende auf eine opportunistische Arztkarriere in der DDR, die sich nach der Wende bruchlos im Westen fortsetzt. Gefährdet sieht sie sich, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, durch die zufällige Begegnung des inzwischen professoralen Neurologen Limberg mit seinem einstigen Opfer, des Häftlings Carola Weber aus dem Frauengefängnis Hoheneck. Ulrich Noethen und Anja Kling verkörpern die Hauptrollen exorbitant gut, das Drehbuch von Kristin Derfler und Clemens Murath ist ohne Makel.

          Unverdient leer ausgegangen ist auch „Die letzte Spur - Alexandra, 17 Jahre“, eine höchst erstaunliche Koproduktion des Privatsenders Sat.1 mit dem öffentlich-rechtlichen ORF. Ort der Handlung ist das Donaustädtchen Krems. In der realen Kulisse spielt der Regisseur Andreas Prochaska so virtuos wie unaufdringlich mit Motiven aus „Twin Peaks“, der Kultserie von David Lynch aus den neunziger Jahren. Als Vater der nach einer Partynacht verschwundenen Alexandra (Emilia Schüle) verbindet Richy Müller innere Panik mit verstandesklarer Beherrschtheit. Besser war dieser Schauspieler nie.

          Der Film „Homevideo“ setzt sich mit der Medialisierung aller Lebensbereiche auseinander. Er zeigt, wie sich das Leben Jakobs (Jonas Nay) radikal verändert, nachdem ein Video von ihm im Internet kursiert.

          Schweizer Komödien sind in Baden-Baden stets für eine Überraschung gut. Siegte im vergangenen Jahr die junge Regisseurin Petra Volpe mit „Frühling im Herbst“, einem ländlichen Liebesreigen, so überzeugte das Schweizer Fernsehen dieses Mal mit „Vater, unser Wille geschehe“, dem höchst skurrilen Lustspiel um einen Pfarrer, der aus dem Wachkoma heraus Wunder über Wunder wirkt. Beste Dürrenmatt-Tradition ist hier am Werk, der Sonderpreis, den die Jury für diesen Film auslobte, war mehr als verdient.

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