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Zum Finale von „X Factor“ : Drum singe, wem Gesang gegeben

  • -Aktualisiert am

Favoriten von Anfang an: Die Gruppe „Big Soul” Bild: dpa

Während Bohlens „DSDS“ bei RTL in den vergangenen Jahren zur Dokusoap mit Gesangselementen umfunktioniert wurde, hat Vox sein Versprechen eingelöst und sich in der neuen Castingshow „X Factor“ vor allem auf die Musik konzentriert. An diesem Dienstag ist das Finale.

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          Hoffentlich hat Simon Cowell in den vergangenen Wochen keine Zeit gehabt, deutsches Fernsehen zu gucken. Sonst hätte er danach seinen Job als Juror der Castingshow „The X Factor“ an den Nagel hängen können. Denn der Schock ist gewaltig: Die Kandidaten, die Cowell gerade im britischen Fernsehen zum Star machen will, können es gesanglich nicht ansatzweise mit denen aufnehmen, die in den vergangenen Wochen bei Vox auf der Bühne standen. In den Liveshows des britischen Senders ITV versuchen sich derzeit unter anderem ein Elvis-imitierender Halbbrasilianer mit lustigem Akzent, eine harmlos zurechtfrisierte Boyband, ein gerade volljährig gewordener Schönling und zwei, drei sehr unsichere junge Frauen in die Herzen des Publikums zu singen. Die Zuschauer im Studio belohnen das mit wildem Kreischen und die Jury spart nicht mit übertriebenem Lob auch für mittelmäßige Auftritte. Im Vergleich dazu ging es in den vergangenen Wochen bei Vox geradezu gesittet zu. Und viel musikalischer.

          Die Kandidaten können wirklich singen

          Seit „X Factor“ von Cowell erfunden wurde und 2004 in Großbritannien Premiere hatte, geht die Show um die Welt. In über 20 Ländern werden lokale Versionen ausgestrahlt. Die Adaption fürs deutsche Fernsehen war für Vox das Wagnis des Jahres. Zumindest aus qualitativer Sicht ist es geglückt. Am Dienstagabend um 20.15 Uhr zeigt der Sender das Finale, in dem sich die Zuschauer entscheiden müssen, wen sie zum Sieger wählen: die 25-jährige Kölnerin Edita Abdieski, die gezeigt hat, dass sie es stimmlich sogar mit Alicia Keys aufnehmen kann, oder das Damenquartett Big Soul, das von Anfang an zu den Favoriten gehörte.

          Kann es stimmlich mit Alicia Keys aufnehmen: Die Finalistin Edita Abdieski

          Gemessen an bisherigen Castingshow-Standards im deutschen Fernsehen ist es schon ein mittleres Wunder, dass das Finale ausschließlich von Kandidatinnen bestritten wird. Bei „Deutschland sucht den Superstar“ hat es das in sieben Jahren nur ein einziges Mal gegeben. Oft machen die männlichen Kandidaten den Sieg unter sich aus. Glücklicherweise unterscheidet sich die Vox-Show aber auch noch in anderen Details von der Konkurrenz - und das, obwohl sie von derselben Produktionsfirma hergestellt wird.

          RTL setzt auf Dieter Bohlens Launen

          Während „DSDS“ bei RTL in den vergangenen Jahren zur Dokusoap mit Gesangselementen umfunktioniert wurde, bei denen Dieter Bohlens Launen und die Schicksale der Teilnehmer interessanter sind als die Auftritte, hat Vox sein Versprechen eingelöst, sich bei „X Factor“ stärker auf die Musik zu konzentrieren. Der Sender hat Kandidaten gefunden, wie sie im Privatfernsehen sonst in keiner anderen Show eine Chance hätten - weil sie tatsächlich singen können. Das gilt nicht nur für die Finalisten, sondern auch für viele der zuvor ausgeschiedenen Kandidaten, bei denen zu keinem Zeitpunkt Verwechselungsgefahr bestand. Zum Prinzip der Show gehört es nämlich, explizit auch Auftritte von Gruppen zuzulassen und keine Altersgrenzen zu setzen. Freilich hat sich Vox darum bemüht, ebenfalls ein eher junges Publikum anzusprechen und die Protagonisten dementsprechend ausgewählt. Aber es macht eben doch einen Unterschied, ob wie bei „DSDS“ und „Popstars“ auf Pro Sieben eine Horde 16-Jähriger dabei ist oder auch Musiker eine Chance kriegen, die schon ein paar Erfahrungen auf der Bühne sammeln konnten und ein gewisses Selbstbewusstsein mitbringen.

          Keine Zickereien am laufenden Band

          Vor allem gab es keine Zickereien unter den Teilnehmern, mit denen man dramatische Filme hätte füllen können, alle verstanden sich mehr oder weniger gut, und am Ende zählte einzig und allein die Stimme. Auf Äußerlichkeiten kam es praktisch gar nicht an. Vox ist respektvoll mit seinen Kandidaten umgegangen. In der vergangenen Woche durfte sich der drittplatzierte Mati Gavriel nach Bekanntgabe des Publikumsvotings noch gebührend von seinen Fans verabschieden und ein letztes Mal singen. Bei „DSDS“ wäre längst der Abspann gelaufen.

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