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Zu Besuch bei „Sisi“ : Ich darf den Mythos nicht zerstören

  • -Aktualisiert am

Die Italienerin Cristiana Capotondi spielt fürs ZDF die neue „Sisi” Bild: ZDF/Bernhard Berger

In Wien wird eine neue „Sisi“ fürs Fernsehen verfilmt - mit prunkvollen Kostümen, andächtigen Komparsen und einer Italienerin in der Hauptrolle. Beim Dreh hat ein Tourist plötzlich eine Vision: Sisi lebt.

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          Sisi. Der Name reicht aus, um im Kopf einen Bildersturm in grellbuntem Technicolor auszulösen: die junge Romy Schneider, die sechzehnjährig im Dirndl als quietschfidele Herzogin in Bayern das Jagdrevier ihres „Papili“ durchstreift. Die junge Romy Schneider, die mit kunstvoll geflochtenen Frisuren und in prunkvolle Kleider gepresst die von der Kaiserwürde gequälte Elisabeth von Österreich-Ungarn mimt. Die junge Romy Schneider, die unwiderstehlich leuchtet, sobald sie als Sissi in den Armen ihres Franzl liegt.

          „Sissi pappt an mir wie Grießbrei“, soll Romy Schneider einmal gesagt haben, die zeit ihres Lebens das süßliche Sissi-Image nicht gänzlich abzustreifen vermochte - zu fest klebt die wunderschön kitschige Filmtrilogie des Regisseurs Ernst Marischka im filmischen Gedächtnis, seit rund fünfzig Jahren schon, vielleicht mangels Alternativen. Denn bis auf Christoph Böll mit seinem gefloppten Film „Sissi und der Kaiserkuß“ (1991) hat es kaum einer ernsthaft probiert, per Remake etwas von diesem inzwischen altbackenen, aber hartnäckig erfolgreichen „Grießbrei“ abzuzweigen. Noch heute gehört die Geschichte der widerspenstigen Kaiserin zu den österreichischen Exportschlagern weltweit; in Deutschland zählt die „Sissi“-Trilogie zu den meistgesehenen Filmen überhaupt.

          Die Ruhe vor der Hochzeit

          „Dabei kenne ich viele, die sich an diesem Stoff versuchen wollten“, erzählt der Wiener Xaver Schwarzenberger achselzuckend und kann selbst nicht erklären, warum ausgerechnet er nun einer der ersten Regisseure ist, die eine Neuverfilmung in die Tat umsetzen. Allein deshalb habe er sofort zugesagt, als er von dem Produzenten Jan Mojto gefragt wurde, ob er eine neue „Sisi“ - diesmal mit historisch korrektem einfachen „s“ - als Fernsehzweiteiler für das ZDF, den österreichischen ORF und die italienische Rai drehen wolle. Danach wurde es aber erst mal kompliziert: Bevor Schwarzenberger loslegen konnte, wurde die elf Millionen Euro teure Koproduktion eineinhalb Jahre diskutiert, bis alle Parteien mit dem Drehbuch zufrieden waren (verfasst vom Duo Ivan Cotroneo und Monica Rametta, abschließend „poliert“ von Christiane Sadlo) und bis man sich auf die gewünschten Nationalitäten der Schauspieler und dann nach vielen Castings auf die Hauptdarstellerin geeinigt hatte, die achtundzwanzigjährige Italienerin Cristiana Capotondi.

          Die Italienerin Cristiana Capotondi spielt fürs ZDF die neue „Sisi” Bilderstrecke

          Heute, am vierundzwanzigsten Drehtag, strahlt Schwarzenberger die Gelassenheit eines Regisseurs aus, der das Schlimmste hinter sich weiß. Unauffällig und ruhig richtet er in der Wiener Michaelerkirche die Kamera ein, die er in diesem Film selbst führt. Einer der romantischen Höhepunkte steht an: die Hochzeit von Kaiser Franz Joseph und Elisabeth. Trotz dreier Setsprachen - Deutsch, Italienisch und Englisch - scheinen alle Teammitglieder vom Statisten über den Schärfenzieher bis zur Maskenbildnerin ihre Parts verinnerlicht zu haben. Kabel und Blumengirlanden werden routiniert ausgerollt, Scheinwerfer unter knappen Zurufen positioniert, Gesichter zügig matt getupft und abstehende Härchen am Kopf der Braut widerspruchslos abgeschnitten. Auch die Schauspieler vertreiben sich gleichmütig die Zeit bis zum Startkommando: Cristiana Capotondi trinkt einen Schluck Wasser, Franz Joseph-Darsteller David Rott bekommt Besuch von seiner Tochter, Martina Gedeck harrt im eng geschnürten Kleid der Erzherzogin Sophie geduldig der Dinge, und Herbert Knaup, der Elisabeths Vater Herzog Max spielt, hält die kleinen blondgelockten Blumenmädchen scherzend bei Laune.

          „Ich brauche mehr Entsetzen!“

          Als das Brautpaar schließlich vor den Altar tritt, fühlt man sich unter all diesen „neuen“ Gesichtern gleichwohl plötzlich in die allweihnachtliche „Sissi“-Schwärmerei zurückversetzt. Denn wie fünfzig Jahre zuvor Ernst Marischka hat auch Schwarzenberger keine Drehgenehmigung für die echte Hochzeitskirche, die Augustinerkirche, bekommen. Die in der filmischen Erinnerung altbekannte Kirche ist ähnlich geschmückt wie zu Romy Schneiders Zeiten: überall weiße Rosen, Fahnen, Kerzen und roter Samt. Andächtig wartend sitzen 140 festlich gekleidete Komparsen auf den Bänken. Sie sind von vier Uhr morgens an von der italienischen Kostümbildnerin Enrica Biscossi mit Uniformen, gefiederten Helmen, reich verzierten Talaren und ausladenden hellen Kleidern eingerüstet worden.

          „Das war 1854 so üblich“, begründet Schwarzenberger die opulente Ausstattung des Films, der so originalgetreu wie möglich wirken soll. Wer genau hinsieht, bemerkt allerdings sofort, dass die Braut mit ungewohnt wenig Rüschen und einer verhältnismäßig kurzen Schleppe auskommt. „Wir haben historische Schnitte ein wenig variiert, um den Kostümen ein modernes Aussehen zu geben - schlichter und weniger verspielt“, sagt Enrica Biscossi, die allein für Sisi vierzig verschiedene Roben entwarf. Seine „Sisi“ sei eben eine Betrachtung aus heutiger Sicht, sagt Xaver Schwarzenberger: „Ich versuche keinen Kitsch, keinen Heimatfilm zu machen, sondern die Geschichte anders zu erzählen. Wie reagiert Elisabeth, wie reagiert ihre Schwiegermutter, die Erzherzogin Sophie? Mich interessieren das Benehmen, die Konflikte, die Abgründe.“ So darf etwa - im Unterschied zu Marischkas „Sissi“ - der Kuss nach der Trauung nicht fehlen. Dafür wird es am Set zum ersten Mal laut: „Ich brauche mehr Entsetzen!“, weist Schwarzenbergers Regieassistent die Komparsen an, die bei der ersten Aufnahme stumm geblieben waren: „Ein Kuss in der Kirche war damals schließlich nicht normal.“ Also alles noch einmal von vorn, bis fassungsloses Raunen den Regisseur zufriedenstellt.

          Eine gegenwärtige Frau

          Abends, ohne das bleischwere Brautkleid, wirkt auch Cristiana Capotondi sichtlich erleichtert. Gelöst erzählt die Schauspielerin, die mit ihren langen braunen Haaren und dem Porzellanpuppen-Teint ein bisschen an die historischen Sisi-Porträts des Malers Franz Xaver Winterhalter erinnert, dass sie mit derselben „Sissi“- und Romy-Begeisterung aufwuchs wie ihre deutschen Filmpartner. Sie freue sich aber, in einem ganz anderen Film mitzuspielen, der Sisi als moderne Frau inszeniere: „Wir zeigen Sisis politische und machtbewusste Seiten.“ Sie selbst träume schließlich auch mehr davon, politische Fragen mit Bismarck zu debattieren, als von einer Hochzeit in Weiß.

          Auf allzu viel Politik und deutliche Darstellungen der depressiven, magersüchtigen Sisi lässt sich Schwarzenberger trotz verletzter Soldaten, Kindstod und Körperkult-Andeutungen aber nicht ein. „Wir beginnen mit einem jungen Mädchen in Bayern und enden mit Sisis letztlich einzigem politischem Sieg, ihrer Krönung in Ungarn. Ich wollte und ich sollte den Mythos nicht zerstören. Ich will ihn sogar aufbauen, nur ein bisschen verändern.“

          Dass die Kaiserin immer noch fasziniert, zeigt sich an diesem Drehtag. Vor den Augen staunender Touristen, die sich durch das Sisi-Museum in den kaiserlichen Appartements der Wiener Hofburg schieben, präsentiert die Filmfamilie nach der Trauung Thronfolger Rudolph vor dem Komparsenvolk. Ein Tourist sei regelrecht erschrocken, als er die kostümierte Gesellschaft, nicht aber die Kamera gesehen habe, berichtet Martina Gedeck lachend, und er habe laut gerufen: „Ich habe eine Vision! Ich habe eine Vision!“ Immerhin, zumindest in Wien scheint Schwarzenbergers Vision zu wirken. Ob sie auf den Fernsehbildschirm zugeschnitten ebenfalls funktioniert, wird sich im ZDF zwischen Weihnachten und Neujahr zeigen.

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