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Zu Besuch bei „Sisi“ : Ich darf den Mythos nicht zerstören

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Als das Brautpaar schließlich vor den Altar tritt, fühlt man sich unter all diesen „neuen“ Gesichtern gleichwohl plötzlich in die allweihnachtliche „Sissi“-Schwärmerei zurückversetzt. Denn wie fünfzig Jahre zuvor Ernst Marischka hat auch Schwarzenberger keine Drehgenehmigung für die echte Hochzeitskirche, die Augustinerkirche, bekommen. Die in der filmischen Erinnerung altbekannte Kirche ist ähnlich geschmückt wie zu Romy Schneiders Zeiten: überall weiße Rosen, Fahnen, Kerzen und roter Samt. Andächtig wartend sitzen 140 festlich gekleidete Komparsen auf den Bänken. Sie sind von vier Uhr morgens an von der italienischen Kostümbildnerin Enrica Biscossi mit Uniformen, gefiederten Helmen, reich verzierten Talaren und ausladenden hellen Kleidern eingerüstet worden.

„Das war 1854 so üblich“, begründet Schwarzenberger die opulente Ausstattung des Films, der so originalgetreu wie möglich wirken soll. Wer genau hinsieht, bemerkt allerdings sofort, dass die Braut mit ungewohnt wenig Rüschen und einer verhältnismäßig kurzen Schleppe auskommt. „Wir haben historische Schnitte ein wenig variiert, um den Kostümen ein modernes Aussehen zu geben - schlichter und weniger verspielt“, sagt Enrica Biscossi, die allein für Sisi vierzig verschiedene Roben entwarf. Seine „Sisi“ sei eben eine Betrachtung aus heutiger Sicht, sagt Xaver Schwarzenberger: „Ich versuche keinen Kitsch, keinen Heimatfilm zu machen, sondern die Geschichte anders zu erzählen. Wie reagiert Elisabeth, wie reagiert ihre Schwiegermutter, die Erzherzogin Sophie? Mich interessieren das Benehmen, die Konflikte, die Abgründe.“ So darf etwa - im Unterschied zu Marischkas „Sissi“ - der Kuss nach der Trauung nicht fehlen. Dafür wird es am Set zum ersten Mal laut: „Ich brauche mehr Entsetzen!“, weist Schwarzenbergers Regieassistent die Komparsen an, die bei der ersten Aufnahme stumm geblieben waren: „Ein Kuss in der Kirche war damals schließlich nicht normal.“ Also alles noch einmal von vorn, bis fassungsloses Raunen den Regisseur zufriedenstellt.

Eine gegenwärtige Frau

Abends, ohne das bleischwere Brautkleid, wirkt auch Cristiana Capotondi sichtlich erleichtert. Gelöst erzählt die Schauspielerin, die mit ihren langen braunen Haaren und dem Porzellanpuppen-Teint ein bisschen an die historischen Sisi-Porträts des Malers Franz Xaver Winterhalter erinnert, dass sie mit derselben „Sissi“- und Romy-Begeisterung aufwuchs wie ihre deutschen Filmpartner. Sie freue sich aber, in einem ganz anderen Film mitzuspielen, der Sisi als moderne Frau inszeniere: „Wir zeigen Sisis politische und machtbewusste Seiten.“ Sie selbst träume schließlich auch mehr davon, politische Fragen mit Bismarck zu debattieren, als von einer Hochzeit in Weiß.

Auf allzu viel Politik und deutliche Darstellungen der depressiven, magersüchtigen Sisi lässt sich Schwarzenberger trotz verletzter Soldaten, Kindstod und Körperkult-Andeutungen aber nicht ein. „Wir beginnen mit einem jungen Mädchen in Bayern und enden mit Sisis letztlich einzigem politischem Sieg, ihrer Krönung in Ungarn. Ich wollte und ich sollte den Mythos nicht zerstören. Ich will ihn sogar aufbauen, nur ein bisschen verändern.“

Dass die Kaiserin immer noch fasziniert, zeigt sich an diesem Drehtag. Vor den Augen staunender Touristen, die sich durch das Sisi-Museum in den kaiserlichen Appartements der Wiener Hofburg schieben, präsentiert die Filmfamilie nach der Trauung Thronfolger Rudolph vor dem Komparsenvolk. Ein Tourist sei regelrecht erschrocken, als er die kostümierte Gesellschaft, nicht aber die Kamera gesehen habe, berichtet Martina Gedeck lachend, und er habe laut gerufen: „Ich habe eine Vision! Ich habe eine Vision!“ Immerhin, zumindest in Wien scheint Schwarzenbergers Vision zu wirken. Ob sie auf den Fernsehbildschirm zugeschnitten ebenfalls funktioniert, wird sich im ZDF zwischen Weihnachten und Neujahr zeigen.

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