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ZDF sucht Chefredakteur : Mit dem Zweiten schwarz sehen

Parteipoker beim ZDF: Programmdirektor Bellut (rechts) gilt als Konservativer, Chefredakteur Brender als Roter Bild: dpa

Macht-Poker beim ZDF: Der Sender sucht einen Chefredakteur, obwohl viele den bisherigen Amtsinhaber Nikolaus Brender weiter auf diesem Posten sehen wollen. Doch der ist ein „Roter“ - und das passt der schwarzen Mehrheit im Verwaltungsrat nicht.

          Man kann nicht oft genug an dieses Datum und an diesen Auftritt erinnern. Jetzt ist es wieder einmal an der Zeit. Es war der Abend des 18. September 2005. Die SPD hatte gerade - denkbar knapp - die Bundestagwahl verloren. Das sah jeder, nur einer sah es nicht, der in diesem Augenblick abgewählte Bundeskanzler Gerhard Schröder.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Er formulierte einen Machtanspruch, der durch das demokratische Ergebnis nicht mehr gedeckt war, vor aller Augen, in einem seltsam bizarren Moment der Machtversessenheit. Da konnte einem angst und bange werden, doch das wurde es zumindest einem nicht - dem Chefredakteur des ZDF, Nikolaus Brender, der „Herrn Schröder“, wie er ihn in diesem Moment ansprach, in die Parade fuhr, als der ansetzte, sämtliche Journalisten des Landes einer Verschwörung zuzurechnen, die ihn aus dem Amt drängen wolle.

          Der konservative Verwaltungsrat ist gegen den „roten“ Brender

          Ein „Schlagabtausch zwischen einem Machthaber und einem Vertreter der freien Presse“ sei das gewesen, sagte Brender hernach im Interview mit der F.A.Z. („Er bleibt der Medienkanzler“: Nikolaus Brender im F.A.Z.-Gespräch), in dem er als Journalist habe klarstellen müssen, dass er und seine Arbeit „nicht zum Machtbereich des Politikers zählen“. So soll es sein, doch das sah - und sieht vielleicht immer noch - wohl nicht nur Gerhard Schröder anders. Politiker jeder Couler rechnen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sehr wohl zu ihrem Machtbereich, das kann man nun sehen, da es darum geht, ob besagter Nikolaus Brender Chefredakteur des ZDF bleiben kann oder nicht.

          Am 1. April 2010 endet der Vertrag des Chefredakteurs, ihm ist das Recht verbrieft, ein Jahr vor dem Ablauf seiner Amtszeit zu erfahren, wie es weitergeht. Ginge es nach dem Intendanten seines Senders, Markus Schächter, bekäme Brender fünf weitere Jahre, doch dagegen erhebt sich eine schwarze Mehrheit im Verwaltungsrat des ZDF, in dem, angeführt von dem Rheinland-Pfälzer Kurt Beck als Vorsitzendem, fünf Ministerpräsidenten sitzen, der Staatsminister für Kultur als Vertreter der Bundesregierung und acht vom Fernsehrat entsandte Mitglieder. Sie bestimmen auf Vorschlag des Intendanten, wer im Sender eine führende Position wie die des Chefredakteurs bekleidet. Und da hat der Amtsinhaber bei den Konservativen aus unerfindlichen Gründen schlechte Karten.

          Als lupenreiner Journalist macht man sich nicht nur Freunde

          Unerfindlich sind die Gründe, weil die Spitzenpositionen bei ARD und ZDF von den beiden Volksparteien nach dem überkommenen Machtproporz verrechnet werden. Da der Programmdirektor des ZDF, Thomas Bellut, als Konservativer gilt, muss der Chefredakteur diesem einfältigen Kalkül zufolge ein Roter sein. Als solcher wird Brender gehandelt, wobei man ihn beim besten Willen auf dem Basar der parteipolitischen Eitelkeiten gar nicht verramschen kann.

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