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ZDF-Kultnacht : Licht aus - whomm! Spot an - jaaa!

  • -Aktualisiert am

Er wollte immer ein kleiner Gentleman sein: Ilja Richter bei einer Ausgabe von „Disco '76” Bild: Erich Windprechtiger

Niemals ohne Krawatte oder Fliege: Ilja Richter präsentierte die „Disco“-Sendung mit irritierender Distanz zum Pop-Genre. Zum vierzigsten Geburtstag beschert uns das ZDF eine fünfstündige Wiedersehens-Nacht.

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          Mit der „Disco“-Sendung erging es einem als Kind umgekehrt zum Anschauen von Musicals: Man war eigentlich nur an den Gesangsbeiträgen interessiert und nahm die „Handlung“ als lästiges Übel meistens nur so hin. Diese Handlung bestand bei der „Disco“ aus selbstgeschriebenen, gespielten, gesprochenen und auch gesungenen Beiträgen des Moderators Ilja Richter - überwiegend Klamottiges, das dem Geist von Opas Fernsehen näher zu stehen schien als, sagen wir, „Klimbim“.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber das schien eben nur so. Heute, vierzig Jahre nach der von einem zunächst Achtzehnjährigen moderierten Sendung, die am 13. Februar 1971 erstmals ausgestrahlt und 1982 eingestellt wurde, muss man sagen, dass allein schon Richters schauspielerische Einlagen, auf die man damals in Unkenntnis der damit verbundenen Talentanforderungen herabblickte, das Wiedersehen lohnen, wie es uns an diesem späten Samstagabend mit der „ZDF-Kultnacht - Das Beste aus ,Disco'“ für gute fünf Stunden beschert wird.

          Verzicht auf Bösartigkeit

          Man sehe allein die listigen, treffsicheren und im Grunde auch recht frechen Parodien, die Richter sich gönnte, etwa auf Rex Gildo, der dann gleich anschließend in der Sendung auftritt: Richter gibt ihm flüchtig die Hand und verkrümelt sich dann lausbubenhaft nach hinten, während der schmalzige Gildo sein „Hossa, hossa!“ schmettert, über das der Gastgeber sich eben noch lustig gemacht hatte.

          Heute in Ehren ergraut: Der Schauspieler Ilja Richter

          Dies geschah auch in anderen Fällen mit einem beachtlichen Gespür für Verkleidung, Gestik und Timing, das Richters sorgfältige Ausbildung in dem gehobenen Boulevard-Theater verriet, das auch seine „Disco“-Sendung im Grunde oft war. Was ihn freilich von späteren Comedians unterscheidet, war der Verzicht auf Bösartigkeit. Nicht zufällig wählte sich Richter in aller Regel nur diejenigen zur Zielscheibe seines humanen Spotts, die ihrerseits schon etwas stark Kunstfigurhaftes an sich hatten und sich am Ende sagen konnten, Richter nehme nur Eigenschaften aufs Korn, die sie nach ihren Auftritten sowieso wieder ablegten.

          Behendigkeit eines Strichmännchens

          Man kann davon ausgehen, dass junge Zuschauer an dergleichen Aspekten damals nicht sonderlich interessiert waren und es heute vermutlich genauso wenig wären. Richter versammelte Pop-, Rock- und Schlager-Prominenz, auf die sogar Gottschalk neidisch werden könnte, und bestritt seine Sketche mit der deutschen und zum Teil auch internationalen Schauspieler- und Showmaster-Elite. Diese Sendung wäre aber vermutlich nicht so bemerkenswert und auch erfolgreich gewesen, hätte es Richter nicht verstanden, ihr Elemente des Schillernd-Uneindeutigen beizumischen.

          Schon seine Aufmachung - grundsätzlich mit Schlips oder Fliege, dazu Stoffhosen - markierte jene Distanz zum Dargebotenen, die in der Popmusik fast irritierend wirkt. Wenn er dann gleich am Anfang höflich sagte: „Einen wunderschönen guten Abend, meine Damen und Herren“, dachte man in der Tat eher an Vico Torriani (mit dem er als Halbwüchsiger aufgetreten war) als an einen herkömmlichen Diskjockey, bevor er mit der Behendigkeit eines Strichmännchens zur Seite sprang, die Arme ausbreitete und so verschwörerisch wie mitreißend das eigentliche Publikum, nämlich das im Studio zu seinen Füßen sitzende, willkommen hieß: „Hallo, Freunde!“ Schließlich sein Markenzeichen: „Licht aus - whomm! Spot an - jaaa!“

          Mal wieder durchmachen

          Das sind bis heute geflügelte Worte, die genauso bundesrepublikanische Unterhaltungsgeschichte geschrieben haben wie die insgesamte Adrettheit dieses ungewöhnlichen, immer freundlichen, aber sich nie anbiedernden Moderators.

          Was ihn selbst getrieben haben mag, ermesse man aus dem nun in der Dokumentation zu sehenden Interview, in dem er seinen Hang zu korrektem Äußeren, das seine Sozialisation durch das Fernsehen der ganz jungen, noch nicht bunt und weltoffen gewordenen Bundesrepublik verrät, erklärt: „Ich wollte immer ein kleiner Gentleman sein.“ Das ist ihm gelungen, und deswegen sollten wir Ilja Richter die Ehre erweisen und die kommende Nacht ausnahmsweise durchmachen.

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