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ZDF-Film „Mord in bester Familie“ : Im Anfang war die Phrase

Ungleiche, ja feindliche Schwestern: Manuela (Maja Maranow, links) und Katrin (Katharina Böhm)
          2 Min.

          Eine nützliche Erfindung, mit der man in der Fernsehfilmbranche viel Geld verdienen könnte, wäre ein Phrasenscanner für Drehbücher. Sätze, wie sie in dem ZDF-Thriller „Mord in bester Familie“ immer mal wieder fallen, würden dann zur Freude der Zuschauer eliminiert; sogleich wäre der Blick frei für die tollen Schauspieler.

          Friederike Haupt
          Politische Korrespondentin in Berlin.

          Wenn aber eine Frau nach jahrelanger Abwesenheit ins Haus ihrer Familie zurückkehrt und der Schwester nichts anderes einfällt, als „Nach all den vielen Jahren!“ zu sagen; oder wenn diese Heimkehrerin, befragt danach, wie sie sich in der alten Heimat fühle, antwortet: „Vertraut und doch fremd“, dann haben Zuschauer mit einem Minimalanspruch an Dialoge zur besten Sendezeit allen Grund zum Abschalten.

          Dabei ist das Beziehungsgeflecht der Familie Lorenz eigentlich geschickt geknüpft: ein alter Vater mit großem Sägewerk, eine brave Tochter, die die Geschäfte bald übernehmen soll, eine verlorene Tochter, die fast zwanzig Jahre in Amerika war und die Familie mied, bis sie nun, zum 80. Geburtstag des Alten, wieder zurückkehrt. Über die Umstände der Flucht nach Übersee erfährt man bald einiges: Die eine Schwester spannte der anderen den Liebhaber aus, die Gekränkte floh, die andere wurde schwanger und hat dann geheiratet. Nun, viel später, ist die Ehe dahin und der Sohn gerade erwachsen. Das alles wäre nur mittelinteressant, stürzte nicht die Zurückgekehrte, Katrin, gleich in der ersten Nacht von einem Felsen und verletzte sich schwer.

          Richtige Mischung aus Härte und Zerbrechlichkeit: Otto Mellies als Sägewerkbesitzer Lorenz
          Richtige Mischung aus Härte und Zerbrechlichkeit: Otto Mellies als Sägewerkbesitzer Lorenz : Bild: Kerstin Stelter

          Mischung aus Härte und Zerbrechlichkeit

          Katrin (Katharina Böhm) behauptet nämlich, jemand habe sie geschubst, was vom Rest der Familie erst einmal mit der Drehbuchphrase „Sie hatte schon immer eine blühende Phantasie“ abgetan wird. Aber so leicht ist das nicht, denn fast jedes Familienmitglied scheint Gründe zu haben, Katrin loswerden zu wollen. Vor allem ihre ältere Schwester Manuela (Maja Maranow), die im Geschäftsfrauenlook und mit Kreuzkette um den Hals alles repräsentiert, was dem Vater wichtig ist, nämlich das Sägewerk, den Glauben an den Herrgott und die Familie, während Katrin in Kleid und Jeansjacke von allen mindestens skeptisch beäugt wird.

          Es braucht recht lange, bis die Handlung in Gang kommt, und bis zum titelgebenden Mord ist der Film fast vorbei. Sehenswert ist er wegen seiner Schauspieler, allen voran Otto Mellies, der den Patriarchen Reinhard Lorenz gibt. Ihm gelingt die richtige Mischung aus Härte und Zerbrechlichkeit, und auch Maranow und Böhm verleihen den Schwestern bei allen Steinen, die ihnen das Drehbuch in den Weg legt, eine gewisse Dreidimensionalität.

          Die gegenseitigen Verdächtigungen, was Vom-Felsen-Schubsereien, gefälschte Bilanzen, ewigen Neid und verschleppte Eifersucht betrifft, nehmen allerdings bald überhand und erscheinen wie frisch vom Reißbrett, zumal auch noch ein seltsamer Zufall es will, dass Katrin zur selben Zeit in den Ort zurückkehrt wie der frühere Geliebte der beiden Schwestern, Christian (Thomas Sarbacher), der Kontakt zu seinem Sohn (Patrick Mölleken) aufnehmen will.

          Geschafft - und nun auf zu neuen Drehbüchern!

          Auch diesem haben die Drehbuchautoren Peter Petersen und Johannes Grieser (auch Regie) Sätze aufgeschrieben wie „Nur weil die Disketten in seinem Büro lagen, heißt es ja nicht, dass er mit drinhängt“, so dass man die eigentlich spannende Frage, wer nun wem ans Leben oder Geld will, wegen Genervtheit immer wieder aus den Augen verliert.

          Am Ende werfen plötzlich alle mit Geständnissen um sich, damit der Showdown in die Sendezeit passt, dann haben es die Schauspieler geschafft: Der Fall ist geklärt, und sie können sich originelleren Drehbüchern zuwenden.

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