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„Wie ein Licht in der Nacht“ im Ersten : Der Entzug der alten Dame

Ein Entzug kommt für sie nicht in Frage: Christiane Hörbiger als Carla im Fernsehfilm „Wie ein Licht in der Nacht” Bild: ARD Degeto/Svenja von Schultzendorff

Auch im Suff hat sie Stil: Christiane Hörbiger spielt im ARD-Film „Wie ein Licht in der Nacht“ eine Frau, die nach einer erfolgreichen Karriere alkoholkrank wird und sich erst helfen lässt, als es fast zu spät ist.

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          Wer Christiane Hörbiger als Grande Dame des deutschen Films, des Fernsehfilms zumal, bezeichnet, wird kaum Widerspruch ernten. Die Rollen, die sie spielt, sind danach. Es sind Frauen, die eine Position bekleiden im gesellschaftlichen Leben, im Hinter- oder im Vordergrund. Sie haben und wahren Haltung, sie verfügen über Energie und Selbstdisziplin, sie haben einen Begriff von Moral und einen von Etikette. Kein Wunder, dass auch Klaus J. Behrendt von seiner Partnerin in dem Film „Wie ein Licht in der Nacht“ als der Grande Dame des deutschen Films spricht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Was man mit ihr auf den ersten Blick identifizieren mag und auch auf den zweiten, trägt auch die Figur der Carla Binder in sich - eine erfolgreiche Immobilienmaklerin, die in Ruhestand geht. Selbst als ihre Tochter Ellen (Susanna Simon) einen Preis für ihre Arbeit als Flugzeugingenieurin erhält, verlässt sie die Feier, bevor es spannend wird, um Kunden eine Villa zu zeigen - es soll ihr letzter Auftrag sein.

          Darauf stößt sie dann an mit einem Gläschen Champagner und später noch mit zwei oder drei Piccolöchen im Büro. Und noch später mit dem vierten oder fünften Glas, auf den Schampus folgt der Wein und auf den der Weinbrand. Am Morgen danach stürzt Carla aus dem Bett und eilt aus der Tür - um nur wenige Sekunden später zurückzukehren. Sie muss nicht mehr ins Büro, nie mehr. Auf die neue Freiheit trinkt sie erst einmal einen. Und dann noch einen und noch einen und noch einen. Es geht ihr blendend, sagt sie allen, die es wissen wollen.

          Eine alltägliche Geschichte

          Selbst wenn sie da so vor sich hin säuft, hält sie sich noch lange Zeit gut. Das ist ihr Markenzeichen: die Fassade aufrechterhalten, Stärke zeigen, gute Figur machen. Noch in der Notaufnahme leugnet Carla, dass sie abhängig ist. Ein Entzug kommt für sie nicht in Frage, schließlich hat sie kein Problem mit dem Alkohol, nur ohne. Allein Horst Keller (Behrendt) macht Carla Binder nichts vor, dem Hausmeister des Blocks, in den die einstige Maklerin einzieht. Keller ist ein Mann vom Fach, trockener Alkoholiker und der Einzige, auf dessen Hilfe sich Carla Binder einlässt. Ihrem Exmann (Friedrich von Thun) wirft sie sich zwar bei einer unpassenden Gelegenheit an den Hals, doch eine wirkliche Verbindung zu ihm hat sie so wenig wie zu ihrer Tochter Ellen. Das ist das Loch, in das Carla Binder mit Anlauf fällt, der Graben, den sie überwinden muss.

          Auch im Suff hat sie Stil, den Alkohol verbirgt sie beim Einkaufen im Supermarkt hinter Gemüse und Obst, ihre Verzweiflung drückt sich aus in übertriebener Heiterkeit. Doch sie verschwindet Stück für Stück aus ihrer Welt, in der es außer der Arbeit nichts gab. Sie verlischt - „wie ein Licht in der Nacht“. Christiane Hörbiger spielt den Verfall (und den Entzug) dieser Frau nach einem Buch von Thorsten Näter und unter der Regie von Florian Baxmeyer denkbar leise, scheinbar ohne jede Anstrengung und deshalb großartig. Der Film (bei dem allein die mitunter aufdringlich eingesetzte Musik störend auffällt) konzentriert sich auf sie, und darin liegt seine Stärke. Er erzählt eine ganz normale, alltägliche Geschichte, eine, die nichts Aufgesetztes oder Statuarisches hat, die vom Schicksal einer vereinsamten Frau handelt, die alkoholkrank wird und sich erst helfen lässt, als es fast zu spät ist. Doch sie erkennt schließlich, was zu tun ist.

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