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Wepper trifft Minelli : Darling, du hier und nicht in Hollywood?

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Er war noch niemals in New York: „Fritz, a star in whole Europe” Bild: © avanti media/Boris Fromageot/W

Fast dreißig Jahre nach dem gemeinsamen Film „Cabaret“ trifft Liza Minnelli in New York für eine Arte-Sendung Fritz Wepper wieder. Mit den Augen des New-York-Neulings blickt der Zuschauer auf die Seele des amerikanischen Showbusiness.

          „Ist das nicht herrlich dekadent, Darling?“, plappert Sally Bowles und wedelt dem verklemmten amerikanischen Jungautor Brian Roberts die giftgrün lackierten Fingernägel vors Gesicht. Wildfremde, werden sie kurz darauf ein Paar und vier Monate später wieder Fremde sein: So beginnt „Cabaret“, das legendäre Filmmusical über Berlins Veitstanz kurz vor dem Januar 1933, und über die Tingeltangelsängerin Sally, die jeden Darling nennt; den einen, weil er für Liebesdienste zahlt, den anderen, weil sie ihn mag, den Rest nur so. Bis zum Ende bleibt offen, ob sie die aus der Art geschlagene englische Diplomatentocher ist, als die sie sich bezeichnet, oder nur eine ausgekochte Berliner Pflanze.

          Gewachsen ist diesem Geysir aus Berechnung, Impulsivität, Traumtänzerei, Ignoranz, Torheit und Lebensklugheit nur Fritz Wendel, ein waschechter Berliner Jude, der von ihr zwecks Schiebereien Englisch lernt. Gespielt wurde diese erst zwielichtige, dann rührend deutsche „Kleiner Mann was nun“-Figur von Fritz Wepper. Arte flog ihn jetzt für die Serie „Durch die Nacht mit . . .“ nach New York, zu Liza Minnelli, alias Sally Bowles: Kaum betritt er die Chelsea-Studios, wo sie eine Revue probt, umhalst sie ihn juchzend. „Darling, so nice to see you!“ Darling wird sie ihn im Lauf der Nacht an die hundertmal nennen. Die Hände - keine Spur von Grün - bleiben zunächst auf seinen Schultern. Anfangs, weil sie ihm immer wieder küssend um den Hals fällt, dann, weil sie Halt sucht.

          Unterkörper an Unterkörper

          In ihre spitzen Begrüßungsschreie, tiefen Seufzer und dröhnenden Lachsalven mischt die Diva die Aufforderung, Fritz möge ihren Tanzpartner geben. Der grauhaarige, hager-wendige Regisseur Ron Lewis nickt Einverständnis, und schon tanzt Wepper mit Minnelli eine glänzende Hip-Hop-Version des uralten, raffiniert vulgären Schiebers - „cheek to cheek“ und Unterkörper an Unterkörper.

          Wiederbegegnung in Arte-Sendung: „Durch die Nacht mit...: Liza Minelli und Fritz Wepper”

          Das Programmheft muss her. Es ist unter Garantie das gleiche, das zu Minnellis Deutschland-Tournee erscheinen wird, der Artes „Nacht“ auch dient. Pflichtgemäß bewundert Fritz Wepper die Hochglanzfotos. Auf ihnen sieht Liza Minnelli, deren im Trainingsstudio ungeschminktes (was man als bemerkenswert uneitel registriert) Koboldgesicht die Anstrengung verrät, mindestens zwanzig Jahre jünger aus. „Du bist wirklich zwischen Scheinwerfern und Kulissen aufgewachsen“, kommentiert Wepper ein Kinderfoto des Stars, auf dem auch der Vater Vincente Minnelli zu sehen ist. Ja, sprudelt die Sängerin, und sie habe Gershwin gekannt, überhaupt alle Showgrößen, die am Broadway, in Vegas und Hollywood Amerikas Revuen und Musicals zu Jahrhundertspektakeln machten.

          Wepper entpuppt sich als Kunstliebhaber

          Ausgiebig von ihrem Vater schwärmt sie im sagenumwobenen „Rainbow Room“ im 65. Stock des Rockefeller Center. Prächtigstes Art déco, „von Papa entworfen, er konnte alles, wirklich alles“, wunderbar gedämpftes Schmeichellicht, rundum glitzert Manhattan. Liza Minnelli bewegt sich, als gehöre sie, was ja auch so ist, nirgendwo anders hin. Nur die Hände sprechen inzwischen ihre eigene Sprache. Sie zittern gelegentlich, greifen immer wieder nach Fritz Wepper oder fahren in die eigenen, seit „Cabaret“ obligaten Stirnfransen. Am Times Square, als sich Trauben um das Paar bilden, geht ein Ruck durch die Frau. Auf jeden Zuruf hat sie eine passende schallende Antwort. Der Ton zwischen den Fans und ihr ist locker, manchmal derb, als grüße man die lange nicht gesehene Nachbarin. „This is Fritz, a star in whole Europe“, schmettert sie. Irritiert wird der Deutsche angeschaut. „Cabaret, you remember?“, erklärt Liza Minnelli. Wepper bleibt gelassen.

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