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Vorabend in der ARD : Krimi um den Krimi

  • -Aktualisiert am

Haben immerhin schon Bruce Darnell und schlechte Kuppelsendungen überlebt: die Kommissare des „Großstadtreviers” Bild: dpa

Wie es aussieht, war die Absetzung des „Marienhofs“ nicht der letzte Streich des NDR-Programmdirektors Frank Beckmann. Die ARD plant still und heimlich den neuen Vorabend: Die Gemeinschaftsredaktion hat sich ein Schweigegelübde auferlegt.

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          Es ist beinahe unerheblich, an welchem Wochentag man zwischen sechs und acht Uhr abends ins Programm der ARD schaltet - man landet stets an denselben Schauplätzen. Da sind die Intrigen der Adligen in Düsseldorf (“Verbotene Liebe“), Beziehungsknatsch und Alltagssorgen im Kölner „Marienhof“ und wenn nicht gerade Montag ist, der Tag, an dem Kriminalfälle im „Großstadtrevier“ Hamburg nach Aufklärung schreien, überbrückt „Duell“-Meister Florian Weber die Zeit bis kurz vor acht mit Doppelfolgen bohrender Fragerei. Doch das scheint die Zuschauer immer weniger zu überzeugen - sie schalten immer weniger ein.

          Abermals ist der Senderverbund auf der Suche nach neuen Formen und Farben für den Vorabend, den „verfluchten Sendeplatz“, wie ihn Programmdirektor Volker Herres einst nannte. Seit September vergangenen Jahres liegt die Verantwortung dafür in den Händen des NDR-Programmdirektors Frank Beckmann. Und wie es aussieht, soll die Absetzung des „Marienhofs“, die mit einer Verlängerung von „Verbotene Liebe“ einhergeht, nicht sein letzter Streich gewesen sein. Nur, die weiteren Pläne der Gemeinschaftsredaktion Vorabend, eines Gremiums, in dem Vertreter verschiedener Rundfunkanstalten sitzen, sind streng geheim. Die Richtung hatte Beckmann schon bei seinem Amtsantritt angedeutet: Das schwierige, werbefinanzierte Zeitfenster soll mit mehr „Krimi light“ aufgepeppt werden. Das Konzept „regionale Krimis mit Humor“ orientiert sich an jener Serie, die nach bald fünfundzwanzig Jahren im Programm so manches Experiment überlebt hat: das „Großstadtrevier“.

          Keine billigen Quizshows, sondern „hochwertige Fiction“

          Wenn die Kommissare aus dem 14. Revier schon Bruce Darnell, schlechte Kuppelsendungen und sogar durchaus erfolgreiche Fiction wie „Berlin Berlin“ überlebt haben - das muss ein Zeichen sein. Nach den Vorstellungen des Vorabendkoordinators soll es gleich mehrere neue Krimi-Schauplätze geben - dass es mehr als zwei sind, ist aber auch bald alles an Information, was derzeit preisgegeben wird. „Wie viele Projekte am Ende realisiert werden, ist erfolgsabhängig“, sagt Beckmann. Zu Inhalten, Besetzungen und Produzenten gibt man sich bedeckt. Dabei muss darüber intern schon einiges klar sein: Aus Senderkreisen war zu erfahren, dass wohl demnächst mindestens drei Produktionsfirmen mit den Dreharbeiten von vorerst bis zu sechzehn Folgen beginnen wollen. Die Serien, deren Schauplätze von Husum über eine Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen bis nach Bayern reichen, sollen wöchentlich gesendet werden, und zwar auf mindestens zwei verschiedenen Sendeplätzen.

          Zumindest zu Beginn sind dafür vier Serien nötig - diese Perspektive dürfte in Produzentenkreisen, für die es im eher statischen Programm der ARD lange Zeit wenig zu holen gab, den Ehrgeiz geweckt haben. Erst recht, weil es nicht um billige Quizshows, sondern um „hochwertige Fiction“ geht. Für die ARD ist dies keine kostengünstige Lösung, weshalb die Programmdirektion sich mit dem Gedanken trägt, die neuen Projekte von den jeweiligen Landesanstalten mitfinanzieren zu lassen. Im Gegenzug erhielten sie das Vorgriffsrecht auf Wiederholungen.

          „Qualität, Regionalität, Information und Vielfalt“

          Am vergangenen Mittwoch hat die Gemeinschaftsredaktion Vorabend getagt und angeblich erste Kalkulationsgespräche geführt. Dort hat man sich allerdings auch ein Schweigegelübde auferlegt - Produzenten eingeschlossen. Selbstverständlich entwickle man ständig neues Programm, heißt es etwa bei der Produktionsfirma Bavaria, die durch die Absetzung des „Marienhofs“ besonderes Interesse an einer neuen Vorabendproduktion hat. Bei der Ufa-Tochter Phoenix bestätigt man widerwillig jene spärlichen Informationen, die neulich bekanntgeworden waren: nämlich deren Absicht, ihre „familientaugliche“ Serie mit dem Arbeitstitel „Friesisch herb“ in Norddeutschland anzusiedeln. Bei der Ufa-Holding heißt es, dass sich mehrere Tochterfirmen an dem Wettbewerb beteiligen, und auch die Produzenten von Eikon hecken wohl unter dem Arbeitstitel „Richter und Henker“ unterhaltsame Kriminalgeschichten aus.

          Laut Koordinator Beckmann läuft alles nach Plan: „Wir bereiten die ersten Dreharbeiten vor.“ Außerdem würden neue Quizsendungen pilotiert, und auch der Ausbau von „Verbotene Liebe“ schreite voran. Die einzig verbleibende Seifenoper soll schon im Sommer in verlängerter Form auf Sendung gehen. Einen allzu großen Sprung weg vom Altbewährten wird Beckmanns Konzept wohl aber doch nicht sein. Das Sendegerüst Soap-Krimi-Wissensshow soll mehr oder weniger Bestand haben. „Wir wollen ein Programm anbieten, das auf die Stärken der ARD setzt: Qualität, Regionalität, Information und Vielfalt“, sagt Beckmann. Inszenierten Pseudodokumentationen erteilt er eine deutliche Absage: „Für uns ist das nichts. Wir wollen hochwertige Programme und mit vielfältigem Angebot auch im Vorabend begeistern.“ Solche Scripted-Reality-Geschichten waren beim NDR zwischenzeitlich allerdings sehr wohl erwogen worden. Dazu sagte Beckmann im vergangenen Herbst, man habe sich ausschließlich für die Produktionsweise dieser Sendungen interessiert.

          Der Vorabend im Ersten soll also Schritt für Schritt ein neues Kleid bekommen; vor kommendem Herbst wird das Publikum jedoch keine neuen Kommissare kennenlernen. Aber anscheinend kann man es bei der ARD kaum erwarten, bis der „Krimi light“ im Vorabend überhandnimmt: Aus Anlass des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums werden im Sommer die besten Folgen des „Großstadtreviers“ gleich an zwei Wochentagen auf Sendung gehen. Hoffentlich bekommen die Zuschauer nicht da schon genug von so viel „smile and crime“.

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