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Verbotener „Polizeiruf“ : Das war Erich Honeckers Idee

  • -Aktualisiert am

Während der Dreharbeiten: Heinz Seibert (Regisseur), die Assistentin (Name nicht bekannt), Tillmann Dähn (Kameramann), Jürgen Frohriep (Oberleutnant Jürgen Hübner). Bild: MDR/DRA

Der MDR zeigt einen frühen „Polizeiruf“ über die Morde eines Pädophilen, den in der DDR niemand sehen sollte, obwohl die Idee vom Innenministerium stammte. Heute ist die Folge „Im Alter von ...“ ein historisches Zeugnis absurder Zensur.

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          Wem ist heute geläufig, dass die Idee zu einem der beliebtesten Serienformate im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vom DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker persönlich stammt? Nicht nur das Ministerium des Inneren (MdI) nahm zu DDR-Zeiten durch „Fachberater“ Einfluss auf den Deutschen Fernsehfunk DFF, Honecker selbst kümmerte sich um die Klassenkampfprogrammierung. Weil das Ost-Publikum die begehrlichen Blicke vorzugsweise auf das Fernsehen des Klassenfeinds richtete, war Programmgestaltung hochpolitisch.

          Im Frühjahr 1971, wird kolportiert, sprach Honecker ein Machtwort gegen die Langeweile des DDR-Fernsehens. Seit November 1970 lief der „Tatort“ im Westen. Eine Provokation, zumal Hauptkommissar Trimmel (Walter Richter) zum Auftakt auch noch heimlich mit dem „Taxi nach Leipzig“ gefahren war. Ein DDR-“Tatort“ sollte her, keine Kopie, sondern ein eigenständiges Produkt. „Überholen, ohne einzuholen“, lautete die Parole. „Es war die Absicht, einen sozialistischen Gegenwartskriminalfilm zu schaffen, als Kontrapunkt und Konkurrenz zum ,Tatort'“, sagt der Dramaturg Eberhard Görner. Von Beginn an war das Ministerium mit im Boot, prüfte Drehbücher und stellte Berater, Material und Polizeistatisten zur Verfügung. Im Juni 1971 trat Hauptmann Peter Fuchs (Peter Borgelt) mit Leutnant Vera Arndt (Sigrid Göhler) und der kollektiv ermittelnden „Einsatzgruppe Fuchs“ auf den Plan. Der „Polizeiruf 110“ wurde sofort zum Ost-Straßenfeger.

          Ein politisch hochnotpeinliches Drama

          In der informativen, leicht selbstbeweihräuchernden Dokumentation „40 Jahre Polizeiruf - Eine Erfolgsstory“ gräbt der MDR tief in die Fernsehhistorie und fördert dabei eine brisante Geschichte zutage; einen verschollenen und vernichtet geglaubten „Polizeiruf“, der 1974 unter dem Arbeitstitel „Am hellerlichten Tag“ gedreht und - verboten wurde. Ganz neu ist die Geschichte allerdings nicht. Schon 2009 forderten wir den MDR auf, das gefundene Material als Zeitdokument zu restaurieren und zu senden (siehe Dreihundertste Folge Polizeiruf 110: Im Tal der verlorenen Kinder). Geraume Zeit auch gab es im Internet ein „Polizeiruf 110“-Lexikon als privates Projekt des Filmhistorikers Gerhard Gehle, der mit einigen Mitarbeitern zahlreiche Fakten zum Film recherchierte. Gefunden worden war das Material bei der Aufarbeitung des Rundfunkarchivs Babelsberg.

          Der Film wurde in der DDR kassiert, die Darsteller von Till Hochstetter (li.) und Ben Gerlach sind heute unbekannt
          Der Film wurde in der DDR kassiert, die Darsteller von Till Hochstetter (li.) und Ben Gerlach sind heute unbekannt : Bild: MDR/DRA

          Eine Drehbuchkopie entdeckte man schließlich bei der Autorin Dorothea Kleine, womit es möglich wurde, das tonlose Rohschnittmaterial nachzusynchronisieren. Nun spricht „Polizeiruf“-Haudegen Jaecki Schwarz beispielsweise Major Wegner, den Vorgesetzten von Fuchs, Anneke Kim Sarnau leiht Leutnant Arndt ihre Stimme. Der Film selbst, den der MDR unter dem Titel „Im Alter von ...“ jetzt ebenfalls sendet, gibt kaum Hinweise auf das politisch hochnotpeinliche Drama, das sich hinter den Kulissen abgespielt haben muss. Man fasst es nicht, zumal die Anregung zum Film vom DDR-Innenministerium selbst stammte.

          Sorge um den Ruf in der Welt

          Am 24. November 1972 hatten die Fachberater des MdI die „Polizeiruf“-Beteiligten zu einer Filmvorführung eingeladen. Gezeigt wurde ein Lehrfilm, in dem der Mitropa-Lehrling Erwin Hagedorn seine sexuell gefärbten Morde an mehreren Jungen detailliert nachspielt. Den Fall als solchen wollte man nicht behandelt sehen, aber vor Pädophilen sollte gewarnt werden, befand das MdI. Die Autoren bemühten sich, den Fall zu verfremden. Das Drehbuch wurde eingereicht und mit wohlwollendem Resultat geprüft. Am 10. September 1974 begannen die Dreharbeiten. Das MdI stellte Personal und Mannschaftswagen zur Verfügung. Kurz vor dem Ende des letzten Drehtags sollten die Arbeiten plötzlich eingestellt und das Filmmaterial vernichtet werden. Für Regisseur Heinz Seibert ist es der letzte „Polizeiruf“. Er ist in Ungnade gefallen. Es ist ein Fall von beispielhafter Zensurwillkür. Der Grund für das Verbot nämlich hat mit dem Film überhaupt nichts zu tun. Sondern ausschließlich mit der „Westpresse“. Das erfahren die Beteiligten aber erst nach der Wende.

          Kurz vor Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte in Helsinki sorgte man sich an höchster DDR-Stelle verstärkt um seinen Ruf in der Welt. Nachdem der Journalist und „Tatort“-Autor Friedhelm Werremeier in mehreren Artikeln das Urteil gegen Hagedorn, der hingerichtet worden war, obwohl er zum Tatzeitpunkt noch nicht volljährig war, als Urteil einer DDR-Willkürjustiz angeprangert hatte, fürchtete man einen Skandal in den westlichen Medien. Der Fall Hagedorn sollte schlicht vom Radar verschwinden. Nun zieht „Im Alter von ...“ ohnehin keine Parallelen zu den Hagedornschen Taten. Nur das Delikt ist gleich. Wenn der MDR also den heute betulich wirkenden „Polizeiruf“ zeigt, so besteht sein nicht geringes Verdienst darin, unmittelbar vor Augen zu führen, wie wenig genügte, um Staats- und Parteiapparat zum Zensuramoklauf zu treiben.

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