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Vera Tschechowa wird 70 : Sie konnte Schicksal spielen

Als der deutsche Film noch jung war: Vera Tschechowa in einem Porträt aus dem Jahr 1957 Bild: Cintetext

Sie war das Mädchen mit den Katzenaugen und der erste Star des Jungen Deutschen Films. Vera Tschechowa, die sich aus dem Rampenlicht verabschiedet hat und stattdessen selbst Fernsehporträts dreht, wird heute siebzig Jahre alt.

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          Als Georg Tressler 1957 seinen zweiten Film nach den „Halbstarken“ drehen wollte, entschied er sich für die Geschichte eines aufsässigen Mädchens. Elfie Breitner, aus zerrütteten Verhältnissen stammend, arbeitet als Hostess in einem Nachtclub und denkt nicht daran, sich von ihrer Pflegemutter auf den Weg der Moral zurückführen zu lassen. Für „Unter 18“, nach einem Drehbuch von Johannes Mario Simmel, suchte Tressler ein unverbrauchtes Gesicht, eine Ikone der jungen Rebellen im Kino. Er fand die siebzehnjährige Vera Tschechowa, Enkelin einer legendären Schauspielerin und Urgroßnichte des Schriftstellers Anton Tschechow.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die späten fünfziger Jahre waren eine Umbruchzeit des deutschen Films. Die Produzenten, die mit unguten Ahnungen den Aufstieg des Fernsehens betrachteten, gierten nach neuen Talenten. Romy Schneider, Christine Kaufmann, Karin Baal und Cornelia Froboess wurden in dieser Zeit neben Vera Tschechowa für die Leinwand entdeckt. Der Ruhm kam über Nacht, die Rollen purzelten nur so auf den filmischen Nachwuchs herab. Noch 1957 stand Vera Tschechowa in der Heinz-Erhardt-Komödie „Witwer mit fünf Töchtern“ ein zweites Mal vor der Kamera. Im Jahr darauf war sie „Das Mädchen mit den Katzenaugen“ in Eugen Yorks Reeperbahn-Dramolett, wieder ein Jahr später spielte sie die russische Generalstochter Tamara, die „Der Arzt von Stalingrad“ in einer Notoperation rettet, und die Partnerin von Freddy Quinn in „Freddy unter fremden Sternen“. Zwischendurch posierte sie als Freundin von Elvis Presley, und als sie, noch nicht volljährig, auf juristischem Weg eine Heirat mit ihrem Schauspielerkollegen Hartmut Reck erzwingen wollte, wurde sie zum ständigen Beobachtungsobjekt der Klatschpresse.

          Ihr wahres Können zeigte Vera Tschechowa auf dem Bildschirm

          Dass dies alles viel zu schnell ging, muss Vera Tschechowa schon bald bemerkt haben. Jedenfalls zog sie sich nach der Sozialschnulze „Die junge Sünderin“, in der sie als Gegenspielerin von Karin Baal auftrat, für einige Zeit vom Produzentenkino zurück und widmete sich dem Jungen Deutschen Film. In Herbert Veselys Heinrich-Böll-Verfilmung „Das Brot der frühen Jahre“, dem ungelenken Manifest der neuen Generation, spielte sie die melancholische Berliner Schönheit Ulla, der Christian Doermers zorniger Jungmann Walter untreu wird, und für diese Rolle bekam sie ihren bisher einzigen Deutschen Filmpreis. Dass ihr der Mainstream nicht gänzlich fremd geworden war (und dass sie auch als Leiche eine gute Figur machte), bewies sie mit ihrem Auftritt als Feder-Lissy in dem Edgar-Wallace-Schocker „Die Gruft mit dem Rätselschloss“. Auch für Rollen in Bein-und-Busen-Filmen wie „In Frankfurt sind die Nächte heiß“ oder „Nach Stockholm der Liebe wegen“ war sie sich nicht zu fein.

          Die Schauspielerin und TV-Produzentin Vera Tschechowa begann 1957 ihre Karriere in Georg Tresslers zweitem Film „Unter 18”
          Die Schauspielerin und TV-Produzentin Vera Tschechowa begann 1957 ihre Karriere in Georg Tresslers zweitem Film „Unter 18” : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Ihr wahres Können aber zeigte Vera Tschechowa in den sechziger und siebziger Jahren, neben verschiedenen Stationen im Theater, vor allem auf dem Bildschirm. Für das Fernsehen spielte sie jene Figuren, die es im Kino nicht mehr gab, eine Ärztin in Gewissensnot (in „Krebsstation“ nach Solschenizyn), eine Schwangere ohne Halt (in „Zeit der Empfindsamkeit“), eine desillusionierte Ehefrau (in „Erikas Leidenschaften“), die Geliebte eines KGB-Agenten (in dem Dreiteiler „Der Illegale“ mit Götz George). Erst in den Filmen ihres damaligen Ehemanns Vadim Glowna bekam Vera Tschechowa wieder anspruchsvollere Kinorollen, in „Desperado City“ (1981) als Stripperin Hilke, die ihrem aussichtslosen Dasein zu entkommen versucht, in „Dies rigorose Leben“ als Kassandra einer Spätwestern-Tragödie um Liebe, Mord und Inzest.

          Sie bringt die Partie zu Ende

          Eine ihrer schönsten Figuren aus dieser Spätzeit ist die Charlotte in Rudolf Thomes Vierpersonenfilm „Tarot“ von 1985 nach Goethes „Wahlverwandtschaften“. Vera Tschechowa spielt eine Drehbuchautorin, deren Mann, ein Regisseur, sich in seinen neuen weiblichen Star verliebt. Als sie erkennt, wie alles ausgehen wird, verschleiern sich ihre Augen vor Schmerz, aber sie bringt die Partie dennoch zu Ende. Diese Schicksalsergebenheit, die ihr im realen Leben völlig fremd war, hat sie anmutiger verkörpert als jede andere deutsche Schauspielerin der jüngeren Zeit. Heute wird Vera Tschechowa, die sich vor einiger Zeit vom Scheinwerferlicht verabschiedet hat und stattdessen Fernsehporträts von Regisseuren, Schauspielerinnen und Politikern dreht, siebzig Jahre alt.

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